Berichte / Hindenburgstraßen


Umbenennung der "Hindenburgstraße"
in Detmold-Hiddesen:

Appell an die SPD:
Verbeugung vor den eigenen Genossen

Arbeitskreis gegen Geschichtsrevisionismus Detmold
- 24.09.2013

Straße sollte „Heinrich Landermann-Straße“ heißen


Demokratischer Neuaufbruch

Ganz im Bewusstsein des demokratischen Neuaufbruchs wurde am 15. Januar 1946 - acht Monate nach der Niederlage des Nationalsozialismus - der 45-jährige Tischler Heinrich Landermann in der Dorfgemeinde Hiddesen mit dreizehn zu zwei Stimmen in der Ratsausschusssitzung zum Gemeindedirektor gewählt. Ein Amt, welches der gebürtige Hiddeser und überzeugte Sozialdemokrat auch nach Gründung der Bundesrepublik bis 1964 innehaben sollte.

Widerstand in der NS-Zeit

Die Wahl von Heinrich Landermann war auch eine Würdigung für seinen frühen und couragierten Widerstand gegen das NS-Regime. Am 29. April 1933 wurde im Detmolder "Gefangenenbuch" vermerkt: "Nr. 123 Landermann, Heinrich - Stand oder Gewerbe: Tischler , Alter: 19. 9. 1900, Aufnahmeanweisung durch Hilfspolizei, Tag der Ankunft: 28. 4. 1933, 1 Uhr 30 - Tag der Entlassung: 29. 4. 1933, 6 Uhr nachmittags."

Die Hindenburgstraße in Detmold-Hiddesen

Von der Gestapo verhaftet

Hintergrund: Die drei sozialdemokratischen Gemeindevertreter der Gemeinde Hiddesen Heinrich Landermann, Ernst Kligge und Paul Kulemann waren in der Nacht zum 28. April 1933 aus politischen Gründen von der Gestapo verhaftet und nach Detmold ins Gefängnis eingeliefert worden. In der Gemeindevertretersitzung der Gemeinde Hiddesen am 28. April 1933 wurde auf Vorschlag der NSDAP nämlich beschlossen, " ... die Straßen vom Kreuzweg bis zum Schuckenböhmer in Hindenburgstraße, vom Schuckenböhmer bis zum Hermannsdenkmal in Göringstraße, vom Tötendreh bis zum Wildpark in Adolf Hitler-Straße zu benennen." In dem Protokoll zu der Gemeindevertretersitzung wurde behauptet, die drei sozialdemokratischen Gemeindevertreter hätten "entschuldigt gefehlt".

Rehabilitierung im Jahr 1945

In einem Vorblatt mit einer Erklärung zu dem Protokoll vom 28. April 1933, das der Gemeinderat Hiddesen in seiner ersten Sitzung nach dem 8. Mai 1945, am 15. Januar 1946, beschlossen hat, wurde richtig gestellt: "Die im Protokoll vom 28. April (1933) gemachten Angaben, die Gemeindevertreter Temme, Landermann, Kligge und Kulemann fehlten bei der Sitzung entschuldigt, sind unwahr. Die sozialdemokratischen Gemeindevertreter Landermann, Kligge und Kulemann wurden neben einigen anderen Bürgern in der Nacht zum 28. April 1933 aus politischen Gründen durch die NSDAP von der Gestapo verhaftet und nach Detmold ins Gefängnis eingeliefert. Eine Entschuldigung ist und konnte wegen der Inhaftierung nicht erfolgen."

Beitrag zur Demokratie

Heinrich Landermann, Ernst Kligge und Paul Kulemann schrieben mit ihren Lebensgeschichten deutsche Geschichte - authentisch, ehrlich und geradlinig. Sie setzten sich in der Zeit der NS-Diktatur für Freiheit und Demokratie ein. Im Rahmen der Feiern zum 150. Geburtstag der SPD hätten ihnen posthum der Ehrenbrief der Partei und die Willy-Brandt-Medaille verliehen werden müssen. - Zu ihren bewegenden Biographien suchen wir das Erbe in der Gegenwart aber vergeblich.

Weiße Flecken in der Parteigeschichte

Dies schmerzt im Zusammenhang mit der vorbildlichen Erinnerungskultur in Detmold in vielfacher Weise: So lud beispielsweise die Felix-Fechenbach-Stiftung am 7. August 2013 zu einem Stadtrundgang "Auf den Spuren Fechenbachs" in Detmold ein. Dass sich aber ein Gedenken an den jüdischen und sozialdemokratischen Journalisten nicht mit der Beibehaltung der "Hindenburgstraße" im Ortsteil Hiddesen vertragen kann, wird in der Detmolder SPD - mit Ausnahme der Jusos - bis heute nicht erkannt. Opfer erster und zweiter Klasse in der lokalen Partei-Geschichte der SPD kann und darf es aber nicht geben.

Schaden an der Erinnerungskultur

Zu der bereits am 19. November 2012 beantragten Umbenennung der "Hindenburgstraße" in Hiddesen durch den Rat der Stadt Detmold hat sich der SPD-Vorstand bisher im Wesentlichen durch die Anmeldung von "weiteren Beratungsbedarf" hervorgetan. In keinem einzigen öffentlich dokumentiertem Fall ist die Partei den aggressiven und in der Regel geschichtsfälschenden Stellungnahmen von Akteuren aus den Reihen der extremen Rechten ("Arminiusforschung", "Landsmannschaft Ostpreußen", "Forschungskreis Externsteine" etc.) entgegengetreten - ein historisches Armutszeugnis, das dringend korrigiert werden muss.

Besinnung auf die eigene Geschichte

Die Hiddeser Entscheidung vom 28. April 1933 zur "Hindenburgstraße" ist nicht unter rechtsstaatlichen Rahmenbedingungen, sondern ausschließlich unter dem Druck der nationalsozialistischen Machthaber zustande gekommen. Ihre Entstehungsgeschichte ist in der Geschichte des "Dritten Reiches" einmalig und ohne Vergleich. Schon allein deshalb ist die Zustimmung der Fraktion der SPD zur Umbenennung der "Hindenburgstraße" zwingend und erfordert ein offensives Agieren der Partei.

Verbeugung vor den eigenen Genossen

Im Oktober, spätestens im November, sollte unserer Meinung nach über die Umbenennung der "Hindenburgstraße" entschieden werden. Statt "alternativ" zu einer Straßenumbenennung für die kommende Ratssitzung am 26. September an einer Vorlage für eine "Gedenktafel" zu arbeiten, sollte sich die SPD vor den historischen Vorbildern ihren Genossen verbeugen - mit einer "Heinrich Landermann-Straße". - In ehrwürdiger Erinnerung an die Widerständler Heinrich Landermann, Ernst Kligge und Paul Kulemann!





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