Berichte / Neonazismus


Woanders gelesen:

Polizei als Schirmherr
der Nazi-Party in Lemgo


hiergeblieben.de - 12.03.2012

Ein Rechtsrock-Konzert,
ein Polizeieinsatz und zwei Probleme




"Polizeiaufgebot schirmt Rechtsrock-Konzert ab" vermeldet die "Lippische Landes-Zeitung" heute in einem Artikel über ein Konzert am Samstagabend in Lemgo. Sie trifft den Nagel damit auf den Kopf und benennt hier auch gleich die beiden Probleme: Das Rechtsrock-Konzert und das Handeln oder eben auch nicht Handeln der Polizei. Doch von vorne.

"H.E.R.M."
Ein junger unauffälliger Mann hatte nach Auskunft des Vermieters den Partyraum im Lemgoer Industriegebiet Grevenmarsch für eine private Feier gemietet, der Vermieter ahnte nichts Böses. Tatsächlich fand in den Räumen am Samstagabend keine "private Feier", sondern ein Konzert mit der Gruppe "H.E.R.M." statt.

Eigentlich heißt die Band "Kategorie C - Hungrige Wölfe", aber aktuell spielt die Band gerne unter dem neuen Namen "H.E.R.M.", der sich aus den Anfangsbuchstaben der Bandmitglieder zusammensetzt. Hintergrund des temporären Namenswechsels ist, dass das Stadtamt Bremen Ende November 2011 ein geplantes Konzert der Band im Rahmen der Gefahrenabwehr erfolgreich verboten hatte.

Da zieht die Band doch teilweise schnell mal die Decke über den Kopf und wechselt den Namen. Scheinbar erfolgreich, denn zu dem nicht öffentlich angekündigten Konzert reisten nicht nur über 100 teilnehmende Neonazis aus der Region an, sondern das Konzert konnte auch ungehindert stattfinden.
Mehr noch, wie die "Lippische Landes-Zeitung" richtig vermeldet, schirmte die Polizei das Konzert sogar ab. Womit der zweite Punkt des Problems benannt ist, das Handeln der Polizei.

Freiraum für Neonazis?
"Die Polizei habe ein mögliches Verbot geprüft, jedoch auch wegen der mangelnden Außenwirkung keine Handhabe gesehen, die Veranstaltung aufzulösen", berichtet der "Blick nach rechts" in einer aktuellen Meldung.

Kaum zu glauben, hatte das Oberverwaltungsgericht Bremen das dortige Verbot doch gerade mit dem häufigen Zeigen von Hitlergrüßen auf den Konzerten und der - für die extreme Rechte üblichen konspirativen Organisation der Konzerte - begründet. Zumindest letzteres lag auch in diesem Fall vor.

Im Februar 2012 warnten das Bremer Innenressort und die Bremer Polizei Sportvereine und Gaststätten davor, dass "Kategorie C - Hungrige Wölfe" oder eben "H.E.R.M." versuchen könne, in Sporthallen oder Vereinsgaststätten aufzutreten. In Ostwestfalen-Lippe informierte der Polizeiliche Staatsschutz nicht einmal den Vermieter, so dass dieser, der ja getäuscht wurde, auch nicht den Mietvertrag annullieren und so das Konzert verhindern konnte.

Am 21. Januar 2012 trat "Kategorie C - Hungrige Wölfe" unter dem Namen "H.E.R.M." in der Delmenhorster Gaststätte "Die Szene" auf. Im Laufe des Abends verletzt eine größere Gruppe von neonazistischen Konzertgästen mehrere vorbeilaufende alternative Jugendliche mit Baseballschlägern und Flaschen teilweise schwer.

Bei dem Konzert in Lemgo hat der Polizeiliche Staatsschutz mal wieder keine "Außenwirkung" feststellen können, dass ist jedoch zum Beispiel bei gezeigten Hitlergrüßen auch nicht nötig. Schon am 7. Februar 2009 hatte der Staatsschutz angesichts eines Rechtsrock-Konzertes in Augustdorf davon gesprochen, dass es keine "Außenwirkung" gegeben habe. Konzertberichte aus der Neonazi-Szene berichteten eindeutig von Straftaten in dem Konzert.

Statt sich am vergangenen Samstagabend um das extrem rechte Konzert zu kümmern, es wurden nicht einmal die Personalien aufgenommen, wurden antifaschistische Gegenproteste mit der Erteilung von Platzverweisen und Festnahmen von der Polizei unterbunden.

Angeblich, da laut "Blick nach "Rechts", "die Gefahr von Konflikten bestand". Tatsächlich organisiert die Polizei so der extremen Rechten störungs- und protestfreie Erlebnisräume, in denen sich die Szene festigen und vergrößern kann. Die Rolle extrem rechter Musik bei der Rekrutierung Jugendlicher für die extreme Rechte ist hinlänglich bekannt. Nur bei diesem Staatsschutz scheint die Kunde von der Bedeutung dieser Musik noch nicht angekommen zu sein.



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