Berichte / Veranstaltungen


Der 95-jährige Prof. Theodor Bergmann über Israel:

"Dieses jüdische Volk
hat ein Existenzrecht,
auch wenn die Regierung schlecht ist."


T2 13.12.2011

Salzekurier Interview mit dem jüdischen Kommunisten




Auf Einladung des Marxistischen Forums Lippe nahm der 95-jährige Professor Theodor Bergmann am 08.12.2012 an einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung zu dem Thema "Der 100-jährige Krieg um Israel" in der Stadthalle in Detmold teil.
Die Veranstaltung war mit etwa 50 Teilnehmern gut besucht.
Im Vorfeld gab er dem Salzekurier ein Interview.

Salzekurier:
Du bist 1916 als siebter Sohn eines Rabbiners geboren worden, mit 11 Jahren in den Jungspartakusbund und den sozialistischen Schülerbund eingetreten, zwei Jahre später in die Jugendorganisation der KP-O (KPD-Opposition ), die sich 1929 innerhalb der Kommunistischen Partei Deutschlands gründete (1). Du bist als Sohn eines Rabbiners Kommunist geworden. Das ist ungewöhnlich.

So ungewöhnlich auch wieder nicht. Das waren verschiedene Generationen, mein Vater war zwar ein moderner Mensch aber er ging in seinem Beruf auf. Wir sind mit den Naturwissenschaften groß geworden. In politischen Debatten hat uns die Gefahr des Faschismus beschäftigt. Mein Vater hat uns versorgt und uns zur Schule geschickt. Wir konnten studieren, soweit das bis 1933 noch möglich war. Wir haben zu Hause gelebt, sind aber verschiedene Wege gegangen. Neue Zeiten, neue Vögel, andere Vögel, andere Lieder.

Salzekurier:
Dein Verhältnis zum Judentum ist heute immer noch wie damals?

Ich bin ein Atheist, aber das jüdische Volk hat ein Existenzrecht. Dieses Existenzrecht wird von manchen Leuten bestritten, auch von manchen Kommunisten. Das ist ein Staat wie andere Staaten und ein Volk wie andere Völker. Dieses Volk hat ein Existenzrecht, auch wenn die Regierung schlecht ist. Ich lebe in Deutschland, ich bin ein Internationalist.

Salzekurier:
Du bist damals mit deinen Geschwistern in die KP-O eingetreten.

Mit zwei Geschwistern, die älteren Brüder waren Sozialdemokraten - und wir drei jüngeren, Alfred, Joseph und ich, waren kritische Kommunisten.

Salzekurier:
Was war der konkrete Anlass, dass ihr in die KP-O eingetreten seid?

Die KPD hat Dummheiten gemacht. Sie hat gegen die Sozialdemokraten gekämpft statt für die Einheitsfront einzutreten. Sie hat gesagt, das sind Sozialfaschisten, die müssen wir als erstes bekämpfen. Durch diesen hässlichen Kampf zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten konnten die Nazis erst groß werden. Die SPD hat genauso dumm geantwortet, sie hat gesagt, Kommunisten sind rot lackierte Nazis. Es ist heute schwer vorstellbar, dass man sich auch physisch bekämpft hat.

Das hat den Nazis geholfen. Außerdem hat es manche weniger klassenbewussten Arbeiter verwirrt. Das hat uns geschadet! Dadurch entstand eine Spaltung der Arbeiterbewegung, die die KPD zu verantworten hat. Die Massenorganisationen der Arbeiterbewegung - Gewerkschaften, Arbeitersportvereine, Kulturorganisationen - wurden seit 1928 systematisch gespalten.

Die KPD hat sogar versucht, durch antijüdisch eingestellte Referenten dem Nazi-Antisemitismus entgegenzukommen. Sie betrachtete die Nazis als irregeleitete Revolutionäre. Und die gewinnt man, indem man ihnen zum Munde redet.

Salzekurier:
Nach dem Abitur seid ihr 1933 erst nach Palästina geflohen. Da hast du in einem Kibbuz gearbeitet, später hast du in der CSR Agrarwissenschaften studiert. Anschließend warst du in Schweden, wo du als Landarbeiter Geld verdient hast. Wie bist du eigentlich untergekommen?

Ich habe mal hier und mal dort als Arbeiter gearbeitet. Und schließlich in einem Kibbuz. Das waren ganz primitive Verhältnisse, unter denen wir wohnten Zelte und Baracken. Dort habe ich in einer kleinen Hütte gewohnt.
Das Haus, an dem ich mitgearbeitet habe, das war das Kinderhaus. Das war das erste feste Haus, das überhaupt gebaut wurde. Das war ursprüngliche Akkumulation, wie Marx sagen würde. Und wir haben umsonst gearbeitet, um das Land aufzubauen.

Salzekurier:
Und später bist du in die Tschechoslowakische Republik und nach Schweden gegangen.

Da habe ich gearbeitet als Landarbeiter. In Schweden habe ich viele Jahre als Melker gearbeitet auf einem Bauernhof fünfzig Kilometer nördlich von Stockholm, zuletzt in einem Kohlenbergwerk in Südschweden.
Am 1. April 1946 bin ich nach Deutschland zurückgekehrt.

Salzekurier:
Du bist der Verfolgung durch die Gestapo nur knapp entgangen.

Die haben 1933, an meinem 17. Geburtstag, eine Hausdurchsuchung bei uns vorgenommen. Da haben meine Eltern mich weg geschickt. Dann haben Nachbarn das Gerücht verbreitet, dass wir Waffen in unserem Haus versteckt hätten. Zwei Tage später kamen sie und haben meinen Bruder Alfred verhaftet. Da war ich schon über alle Berge.

Salzekurier:
Und Alfred ist später umgebracht worden.

Der ist von den Schweizern ausgeliefert und von den Nazis umgebracht worden. Ich selber bin 1939 mal kurz, zehn Tage, in Kopenhagen verhaftet worden, obwohl ich schon eine Fahrkarte für die Fähre nach Oslo hatte. Mit der Begründung, ich wäre ein Emigrant, wollte mich die dänische Polizei in die Tschechoslowakei zurückschicken und setzte mich in das nächste Schiff nach Gdingen in Polen. Aber da die Nazis in Prag schon einmarschiert waren, war mir der Weg in die Tschechoslowakei versperrt und ich musste auf dem Schiff bleiben. Nun hatte ich keinen Pfennig Geld und konnte das Schiff in Stockholm nur deshalb verlassen, weil meine Schwägerin auf meine Bitte ein Telegramm mit 300 Schweizer Franken geschickt hatte. Daraufhin konnten die freundlichen Polizeibeamten mich freilassen.

Salzekurier:
Später, nach 1945, bist du zurückgekehrt nach Deutschland in die britische Besatzungszone, In der sowjetischen Besatzungszone gab es dann einen Haftbefehl gegen dich. Warum?

Ich war in der Zone illegal.
Es gab einen Haftbefehl gegen mich als kritischen Kommunisten. Aber sie haben mich nie geschnappt. Einen offiziellen Haftbefehl gab es aufgrund einer Denunziation, ich sei ein Westagent. Ich bin ein paar Mal illegal dort gewesen, um meine Freunde zu treffen und zu hören, was die über die gemeinsame politische Linie nach 1945 dort dachten.

Salzekurier:
Du hast später den Kreis Arbeiterpolitik mit aufgebaut, während du als ungelernter Metallarbeiter beschäftigt warst. Du hast für die Redaktion der Zeitschrift Arbeiterpolitik gearbeitet.

Ich war der unbezahlte Redakteur der vierzehntägig erscheinenden Zeitschrift Arbeiterpolitik, die einen großen Traditionsnamen hatte. Im Ersten Weltkrieg gab es eine "Arbeiterpolitik" in Bremen, nach 1928 war es die Zeitschrift der KPD-Opposition. Wir wollten diesen Traditionsnamen wieder aufnehmen. Bis 1952 arbeitete ich dort als Redakteur.

Salzekurier:
Danach hast du dich 1968 habilitiert über das Thema "Landwirtschaft in Schweden".

In der Zwischenzeit habe ich zunächst einige Zeit im Betrieb gearbeitet, um Geld zu verdienen. Schließlich habe ich meine Doktorarbeit angefertigt und war kurze Zeit beschäftigt an der Universität in Hohenheim, an der Landwirtschaftskammer in Hannover und bei der Welternährungsorganisation. Schließlich bin ich 1965 nach Deutschland zurückgekehrt. Seitdem war ich wissenschaftlicher Angestellter an der Universität in Stuttgart-Hohenheim. 1971 wurde ich dort außerplanmäßiger Professor.

Salzekurier:
In deinem neuesten Buch mit dem Titel "Der 100-jährige Krieg um Israel" bemühst du dich um eine internationalistische Position. Was verstehst du darunter?

Ich verstehe darunter, dass wir weder Jerusalem noch die Herrscher in Gaza unterstützen, die beide keinen Frieden wollen und die beide einhundert Prozent haben wollen. Die einen verneinen das Existenzrecht Israels und die anderen wollen offenbar die Westbank besiedeln, die ein besetztes Gebiet ist und die nicht zu Israel gehört. Deswegen bin ich gegen beide Regierungen. Und ich unterstütze die Kommunisten in allen Ländern. In den meisten Ländern der Region gibt es leider keine kommunistischen Parteien. Im Iran, im Irak, in Syrien und in Ägypten sind die kommunistischen Parteien verboten worden.
Und in Israel gibt es Kommunisten, und diese würde ich unterstützen in ihrem Kampf für den Frieden. Ich meine, es gibt drei Schritte, die gemacht werden müssen, damit es zu einem Frieden kommt. Keiner kann hundert Prozent bekommen, weder die Israelis noch die Palästinenser. Erstens: Die Hamas in Gaza muss anerkennen, dass Israel dort bleibt und als Staat existiert. Und sie muss dem Volk auch erklären, dass sie zusammen mit den Reaktionären und Kommunistenmördern im Iran den Wunsch aufgeben, Israel zu vernichten.
Zweitens: Die Israelis müssen in den besetzten Gebieten die Siedlungen räumen. Es gibt genug Land für jeden Juden, der dort leben will. Und drittens: Es muss ein neuer Staat entstehen für die Palästinenser. Es gibt kein Rückkehrrecht so wenig es ein Rückkehrrecht gibt für die Deutschen aus Polen oder die Deutschen aus dem Sudentenland, kein Rückkehrrecht in der Geschichte. Dafür sollten wir werben und helfen, Brücken zu bauen.

Salzekurier:
Du bist jetzt 95 Jahre alt. Welches Ereignis in deinem politischen Leben hat dich am meisten erfreut?

Das ist schwer zu sagen. Es gibt viele Dinge. Aber am meisten erfreut hat mich die Niederlage Hitlers. Ich habe zwar immer gedacht, der kann den Krieg nicht gewinnen. Aber dass er kaputt gegangen ist, das fand ich wunderbar und darüber habe ich mich sehr gefreut.
Aber es gibt noch andere Dinge, zum Beispiel die Tatsache, dass Chruschtschow Reformen eingeleitet und Stalin kritisiert hat oder die Politik Titos. Deswegen bin ich als Titoist beschimpft worden.

Ich habe mich gefreut, dass die Chinesen öffentlich und ausführlich die Irrtümer der Mao-Ära kritisiert haben. Dass wir Kommunisten lernen können und selbstkritisch unsere Fehler aufzuarbeiten in der Lage sind. Wenn wir das nicht machen, können wir den Kommunismus nicht wieder ehrlich machen.

Salzekurier:
"Dann fangen wir von vorne an." Das ist der Titel eines Films über dich. Dein Motto? Ein Zitat von dir?

Dieses Zitat stammt nicht von mir, sondern von Friedrich Engels. Friedrich Engels hat 1849 an einem Aufstand (badisch-pfälzischer Aufstand 1848/1849, SK) teilgenommen, der gescheitert ist. In diesem Zusammenhang hat er eine Artikelserie geschrieben und diese Aussage gemacht. Sie beginnt damit: Wir haben eine Niederlage erlitten, wie sie schlimmer in der Geschichte noch nicht da gewesen ist.
Und dann sagte er: Was machen wir? Das müssen wir immer wieder machen bis es kein Zurück mehr gibt.

Salzekurier:
Danke für das Interview!

Das Interview führten Heiner Hausdorf und Karlheinz Seiler.

Von Theodor Bergmann ist zuletzt, 2011, erschienen: (-> Der 100-jährige Krieg um Israel.) Eine internationalistische Position zum Nahostkonflikt. Hamburg 2011

(1)KPD-Opposition
Unter Heinrich Brandler und August Thalheimer schlossen sich im Dezember 1928 die so genannten "Rechten" in der Kommunistischen Partei in der KPD-Opposition zusammen, nachdem sie aus der eigentlichen Kommunistischen Partei ausgeschlossen worden waren. Zuvor hatte Stalin mit der Rechten in der Kommunistischen Bewegung gebrochen und eine Politik des "sozialistischen Aufbaus"begonnen, weshalb auch die deutschen Kommunisten gezwungen waren, sich nach "links" zu orientieren. Davor hatte die KPD - von Ende 1925 bis 1929 - den Kurs verfolgt: Konzentration der Kräfte, Einheitsfront-Taktik sowie Opposition in den Parlamenten und in den Gewerkschaften. Die KPD-Opposition verfolgte diesen Kurs weiter.
Die offizielle KPD dagegen meinte, gegen die "faschistische Einheitsfront" kämpfen zu müssen. Das Hauptgewicht ihrer Agitation und ihrer politischen Aktionen richtete sich dabei tragischerweise gegen die Sozialdemokratie und die SPD, deren Politik und Ideologie als "Sozialfaschismus" diskiminiert, als "Waffe der Bourgeoisie" gegen die Arbeiterklasse sowie als Hindernis auf dem Wege zur Diktatur des Proletariats angegriffen wurde. Das führte zu einer Spaltung der Arbeiterbewegung.

[Grebing, Helga: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Ein Überblick. (München: 7. Aufl. 1976), S 174 f. Und: Bergmann, Theodor: "Gegen den Strom". Die Geschichte der KPD(Opposition. (Hamburg 2001.)]



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