Berichte / Widerstand in Lippe

"Mit proletarischem Gruß - Willy Langenberg - Rot Front"
Für die Freiheit -für das Leben!

Außerhalb Lippes weitgehend unbekannt:
Willy Langenberg aus Lemgo
organisierte bewaffneten Widerstand
gegen Hitler

08.06.2011 - Karlheinz Seiler und Heiner Hausdorf

Ein Buch von Eike Stiller enthüllt seine unglaubliche Geschichte


Man stelle sich vor, in Hollywood wird ein Film über einen deutschen Antifaschisten angekündigt, der während des Hitlerterrors nach 1939 noch aktiv Widerstand leistet, der mit Genossen nicht nur Flugblätter verteilt und Malaktionen unternimmt , sondern sich bewaffnet und mit Freunden einen Anschlag auf einen Zug durchführt. Der dabei in der Illegalität als Frau verkleidet durch die Straßen geht, der Gestapo mehrfach entwischt und dann sogar seine Verlobte aus dem Gefängnis befreit.
Die meisten werden sagen, der Regisseur spinnt. Im Zusammenhang mit dem Faschismus sollte man sich keine Abenteuergeschichten ausdenken.

Das Problem ist nur, dass dieser Mann mit dem Namen Willy Langenberg wirklich gelebt hat. Sonderbar ist allerdings, dass seine Geschichte bis heute außerhalb Lippes weitgehend unbekannt geblieben ist, obwohl im Jahr 2000 ein Buch von Eike Stiller über ihn erschienen ist.

Willy Langenbergs Kindheit, Jugend und politischer Werdegang
Willy Langenberg wird 1910 als Sohn eines Installateurs und einer Hausgehilfin in Lemgo geboren. Schon als Kind lernt er die Härten des Lebens in einer von Arbeitslosigkeit, Krankheit und Armut geprägten Arbeiterfamilie kennen. Die achtköpfige Familie wohnt in einer kleinen Wohnung zur Miete. Nach dem Besuch der Volksschule beginnt Willy eine Lehre in einer Schneiderei, die er aber vorzeitig beenden muss, als der Betrieb 1927 Pleite geht. Anschließend arbeitet er als Hilfsarbeiter und unterstützt seine Familie.

Im Arbeitermilieu wird Willy Langenberg als Sportass bekannt: Bilder aus der Zeit zeigen ihn sowohl als Mitglied der Turnerriege, als auch als Mitglied der Handballmannschaft des Rotsportvereins TV Fichte Lemgo. Über Kontakte im Arbeitersportverein wird sein Leben politisch: Er tritt in den Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD), die Jugendorganisation der KPD, und in die Rote Hilfe ein. Es gibt einige Hinweise dafür, dass er auch im Rotfrontkämpferbund (RFB) Lemgo organisiert ist. Nach dem Verbot des RFB geht dieser in die Partei übergreifende Antifaschistische Aktion (kurz: Antifa) über, die in Lippe 1931 etwa 500 Mitglieder hat.

Kampf um die Straße vor der "Machtergreifung"
In diesen Jahren überziehen die Nationalsozialisten (NSDAP, SA und SS) auch Lippe mit Terror, in deren Folge Antifaschisten, Sozialdemokraten wie Kommunisten, zusammengeschlagen und verletzt werden. Es kommt zu Toten. Von der Polizei und den konservativ geprägten Gerichten werden die NS-Täter eher wohlwollend behandelt.

Schornstein der Fa. Condor

Wegen einer Schlägerei mit Nazis steht der damals 20-jährige Langenberg 1930 erstmals vor einem Gericht. Er hat einem lokalen NSDAP-Funktionär das Parteiabzeichen von der Jacke gerissen. Im Jahr 1932 führt seine Kompromisslosigkeit dann zu einer Verurteilung wegen Landfriedensbruch. Er war auf den Schornstein einer Lemgoer Firma geklettert und hatte die dortige Hakenkreuzfahne heruntergeholt. Als diese Aktion bei einer anderen Fabrik wiederholt werden soll, kommt es zu einer Schlägerei mit SA-Leuten, in deren Folge nur die Kommunisten verhaftet und verurteilt werden. Willy Langenberg erhält drei Monate Gefängnis, wird aber in der Berufungsverhandlung frei gesprochen.

Die Gewalt eskaliert in den folgenden Monaten: Bei der Ruhrspartakiade in Essen, einem zentralen Sportfest der Rotsportbewegung, wird Langenberg bei Auseinandersetzungen mit der Polizei verletzt. Es gibt Tote. In diese Zeit fällt auch der sogenannte "Altonaer Blutsonntag", an dem im Juli 1932 bei Protesten gegen einen SA-Aufmarsch in Hamburg 18 Personen erschossen werden.

Erste Erfahrungen mit der Illegalität
Im Juli 1932 kommt es in Lemgo zu einer Konfrontation mit Nationalsozialisten, bei der Willy Langenberg und ein weiterer Kommunist, Eduard Menze, aus einem fahrenden Auto Warnschüsse in die Luft auf die sie verfolgenden SS-Leute abgeben. Die an der Schießerei beteiligten Kommunisten werden verhaftet.

Das Landgericht folgt dem Antrag der Oberstaatsanwaltschaft auf Verurteilung wegen versuchten Mordes nicht. Menze wird zu acht Monaten Gefängnis wegen illegalem Schusswaffenbesitz und Waffenmissbrauch verurteilt. - Willy Langenberg kann nicht verurteilt werden. Er ist aus dem Untersuchungsgefängnis in Detmold geflohen, eine sportliche Glanzleistung.

In den nächsten Monaten lebt er in der Illegalität, er versteckt sich bei Bekannten und Genossen in Bielefeld und Umgebung. In einem Brief an den für ihn zuständigen Oberstaatsanwalt Dr. Tornau in Detmold, schreibt er, dass er sich erlaubt habe, "einen freiwilligen oder unfreiwilligen Urlaub zu nehmen. [...]

Als im Dezember 1932 Reichkanzler von Schleicher eine Amnestie für politische Häftlinge ausspricht, kann Langenberg nach Lemgo zurückkehren.

Vor den Landtagswahlen nehmen Anfang 1933 die Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Faschisten zu. Bei einer Schlägerei in Lemgo werden im Januar aber nur die Kommunisten verhaftet, unter ihnen Willy Langenberg. Er wird zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Er kann die Strafe aber erst später antreten, weil er zuvor in Schutzhaft genommen wird.
Nachdem am 30.Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden ist, werden ab Februar auch in Lippe alle führenden Kommunisten verhaftet.

Illegale Arbeit für die KPD in den Jahren 1933 und 1934
Willy Langenberg, der einerseits durch seine Sozialisation in der Arbeitersportbewegung engere emotionale Beziehungen zur kommunistischen Bewegung, andererseits vielfältige soziale Kontakte in Lemgo und Umgebung hat, beteiligt sich Ende 1933 und im Frühjahr 1934 nach seiner Haftentlassung im Oktober 1933 an dem Versuch der KPD in Lippe, in der Bevölkerung Widerstand gegen das nationalsozialistische System zu organisieren.

Handballmannschaft von Fichte Lemgo um 1931
Ziel der illegalen Arbeit ist es, einen Verteilerring für die Zeitung "Kämpfer" aufzubauen, zu unterhalten und neue Mitstreiter zu gewinnen. Ab Ende April 1934 tauchen in Lemgo entsprechende Flugblätter auf, Zeitungen werden verteilt. Er trägt selbst KPD-Zeitungen aus und versucht ehemalige Genossen wieder neu in die Parteiarbeit einzubinden. Die zunehmend erfolgreiche Arbeit inzwischen hat sich in Schötmar eine weitere Parteizelle gebildet - wird im September durch die Verhaftung fast aller Ortsgruppenmitglieder in Lemgo und Schötmar beendet.
Er selbst wird am 24. September 1934 verhaftet und am 9. April 1935 zu vier Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt.

Willy Langenbergs Weg in den illegalen Widerstand
Am 25. März 1939 wird Willy Langenberg aus der Haft entlassen. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich entscheidend verändert. Die Judenverfolgung ist seit der Reichspogromnacht am 8.November 1938 in eine systematische Vernichtungsstrategie übergegangen, die Kriegsvorbereitungen laufen auf Hochtouren, Widerstand scheint fast nicht möglich. In allen gesellschaftlichen Bereichen, ist das nationalsozialistische Kontrollsystem gegenwärtig: sowohl am Arbeitsplatz als auch in der Freizeit.

Anneliese Ilert
Die, die noch versuchen sich eine eigene Meinung zu bilden und diese zu vertreten, werden verunsichert durch ein Netz von Blockwarten, Spitzeln der Gestapo und von anderen Denunzianten. Die wenigen Christen, Sozialdemokraten oder Kommunisten, die noch Widerstand leisten wollen oder können, beschränken sich auf vereinzelte, isolierte Aktionen,und darauf, politische Kontakte zum gemeinsamen Gedankenaustausch aufrecht zu erhalten oder "feindliche" Sender abzuhören. Nach seinem langen Zuchthausaufenthalt will Langenberg möglichst schnell selbständig werden. Er findet eine Stelle in einer Schneiderei. Mitte 1939 verlobt er sich mit seiner Freundin Anneliese Ilert.

Über das Abhören "feindlicher" Sender wie BBC-London, Schweizer Rundfunk und später den Deutschen Volkssender (Radio Moskau) informiert er sich gemeinsam mit Bekannten aus der kommunistischen Bewegung eigenständig über die Lage in der Welt. Bei den konspirativen, oft als Skatrunden getarnten Treffen, werden diese Informationen bewertet und politische Meinungen dazu ausgetauscht. Auch zu sozialdemokratisch orientierten Familien bestehen Kontakte.

Der am 23. August 1939 unterzeichnete Hitler-Stalin-Pakt verunsichert zunächst viele Kommunisten über die weitere Strategie gegenüber dem faschistischen System. Spätestens nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 wird der antifaschistische deutsche Widerstand jedoch wieder neu formiert.

Illegaler Widerstand ab 1941
Am Sonntag, dem 22. Juni 1941, sind die Kampfhandlungen der Wehrmacht zentrales Stadtgespräch in Lemgo. An einer Gruppe diskutierender Passanten vorbeigehend merkt er an: "Jetzt ist Schluß. Diesen Krieg kann Hitler nicht gewinnen." Wegen dieser Äußerung wird er denunziert und die Mühlen der nationalsozialistischen Strafverfolgung beginnen erneut zu mahlen. Als Langenberg wenige Tage später verhaftet werden soll, hechtet er "im Handstand über die Hecke" und verschwindet, wie später ein Zeitzeuge berichtet. Er sieht sich jetzt vor die Alternative gestellt: Haft und KZ-Aufenthalt oder Illegalität? Er entscheidet sich für den Widerstand aus der Illegalität heraus. Die Polizei sollte ihn nicht lebend in die Hand bekommen.
Seit dieser Zeit lebt er in der Illegalität und wird von Verwandten, Bekannten sowie Genossen versteckt. Er findet aber auch Unterschlupf in Steinbrüchen, Gartenhäusern oder Scheunen. Seine Fähigkeit, sich zu verwandeln, hilft ihm in der Illegalität zu überleben. Geld, Nahrung, Kleidung und natürlich Unterkünfte müssen für den Illegalen organisiert werden und das in einer Kleinstadt wie Lemgo/Brake, in der das Netz der sozialen Kontrolle sehr engmaschig ist. Alltägliche Handlungen wie das persönliche Einkaufen in Geschäften, das Betreten öffentlicher Plätze oder das Benutzen der öffentlichen Verkehrsmitteln sind unter den Bedingungen der Illegalität eine nur schwer einschätzbare Gefahr.
Seine Fähigkeit, sich zu verwandeln, hilft ihm in der Illegalität zu überleben. Oft taucht er in Frauenkleidung in Lemgo auf. Er färbt seine Haare oder trägt Perücken. Er schneidert sich als ausgebildeter Schneider verschiedene Wehrmachtsuniformen.

Neue Grabenstraße in den 20iger Jahren
Für seine Aktivitäten im Widerstand aus der Illegalität heraus kann sich Willy Langenberg auf ein intaktes und zum großen Teil auch konspirativ funktionierendes soziales Netz von Personen aus der einfachen Bevölkerung verlassen, die entweder von der kommunistischen Bewegung geprägt oder politisch sozialdemokratisch orientiert sind. Wahrscheinlich wird er auch aus dem Kreis der Bekennenden Kirche heraus unterstützt. Auf seiner Flucht Ende März 1944 übernachtet er zum Beispiel bei Pastor Franzmeier in Donop.

Langenberg und die ihn direkt unterstützenden Genossen werden offensichtlich über Jahre hinweg trotz, oder vielleicht gerade wegen ihrer diversen politischen Aktionen, Sabotageaktionen und auch kleineren rechtswidrigen Handlungen (wie zum Lebensmitteldiebstahl) akzeptiert.

Auf eigene Faust -
erste Aktionen der Langenberg-Gruppe

Politisch ist Langenberg Ende des Jahres 1941 isoliert. Seine politischen Kontakte zu ehemaligen KPD-Mitgliedern kann er in der Illegalität nur noch eingeschränkt nutzen. Einige kommunistische Genossen distanzieren sich von ihm mit der Begründung, seine Aktionen provozierten neue Verfolgungsmaßnahmen der Gestapo. Und diese könnten sich nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen die Reste des kommunistischen Milieus in Lemgo richten. Also handelt er selbständig, auf eigene Faust, vorwiegend dem eigenen Gewissen verpflichtet.

"Volk im Dreck, Bonzen im Speck" - "Deutschland erwache!"
oder Kampf um die Köpfe

Die Langenberg-Gruppe will zum einen durch politisch motivierte Propagandaktionen wie das Anbringen von Aufschriften, Losungen oder Transparenten sowie das Verteilen von Flug- und Klebezetteln die Köpfe und Herzen der Bevökerung erreichen. Zum anderen soll durch Sabotageakte dem nationalsozialistischen staatlichen System möglichst großer materieller Schaden zugefügt werden. Lohnende Ziele für Sabotageaktionen spricht Langenberg mit kommunistischen Genossen ab.

Westfälische Zeitung 3.10.1942
Zu Beginn des Jahres 1942 beginnt er zusammen mit Fritz Dröge (jun.) und Erich Böckhaus die ersten gezielten Widerstandsaktionen. In der Nacht zum 3. Januar 1942 werden ungefähr 60 Klebezettel an Geschäftstüren und -schaufenstern in Lemgo angebracht mit den Aufschriften: "1941 wird uns den Endsieg bringen. Adolf Hitler, der Mörder unserer Söhne" oder: "Deutschland erwache! Willst Du Frieden, kämpfe gegen Adolf Hitler". Am 20. März befestigen Willy Langenberg und Fritz Dröge (jun.) in der Zufahrt zur Lemgoer Kaserne am Spiegelberg ein Transparent mit der Aufschrift: "Wir wollen Frieden." Mit Hilfe eines Lichtkastens beleuchten sie immer dann das Transparent, wenn Soldaten auf dem Rückweg zur Kaserne das Transparent passieren. Einer der Mitstreiter ruft zusätzlich: "Wollt ihr dasselbe? Dann helft mit. Hitler treibt Euch in den Tod!" Auf dem Rückweg von dieser Aktion beschriften sie die Wände des Gebäudes der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt mit der Parole: "Volk im Dreck, Bonzen im Speck". Ende März 1942 befestigen sie in einer Zugtoilette einen Flugzettel mit der Aufschrift "Wer trägt die Schuld an dem Unglück unseres Volkes?" An der Hauswand der Firma Köster bringen sie die Aufschrift "Nieder mit Hitler, dem Mörder" an.

Versuchte Sabotage: Behinderung der Militärmaschinerie
Für die Nacht zum 20. April, den Geburtstag von Adolf Hitler, planen sie einen Anschlag auf einen Zug, von dem sie annehmen, es würde sich um einen Militärtransport handeln. Mit dem Anschlag sollen auch die anstehenden Feierlichkeiten zum Führergeburtstag in Lippe gestört werden. Der Zug entgleist deshalb nicht, weil sie die Bolzen der Gleise auf einer überwiegend geraden Strecke entfernt hatten - und nicht in einer Kurve.

Im Mai 1942 wird Fritz Dröge (jun.) zum Wehrdienst einberufen. Zum einen hätte eine Fahnenflucht die Lage in Lippe für die Gruppe Langenberg verschärft, und zum anderen hätte das Überleben eines zweiten Illegalen gesichert werden müssen. Deshalb folgt dieser der Einberufung und Langenberg hat einen direkten Mitstreiter weniger. Seinen zweiten Mitstreiter, Erich Böckhaus, verliert er im Sommer 1942, ebenfalls weil er zur Wehrmacht einberufen wird. Willy Langenberg handelt daraufhin auf sich allein gestellt.

Gezielte Einzelaktionen
Das soziale, überwiegend konspirativ organisierte Netz, das Willy Langenbergs Überleben sichert, funktioniert zwar weiter, jedoch findet er nur wenige Personen, die zu einer offenen Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen System bereit sind. Sowohl alleine als auch gemeinsam mit politischen Freunden hört er in dieser Zeit verstärkt den Deutschen Volkssender Moskau, der dazu aufruft, den Kampf gegen den nationalsozialistischen Staat zu verstärken, Waffen, Munition und Sprengstoff zu beschaffen, um in der Lage zu sein, den bewaffneten Kampf aufzunehmen. Ab Juli 1943 ist der Sender "Freies Deutschland"mit politischen Informationen und Berichte auf Kurz-, Mittel- und Langwelle zu hören.

In der Nacht zum 30. Oktober 1942 wird die Feldscheune eines Gutsbesitzers in Asemissen (Kreis Lemgo) angezündet. Über 2000 Zentner frisch geernteten Getreides sowie einige landwirtschaftliche Maschinen werden ein Raub der Flammen.

Mitte Januar 1943 versucht er in Lemgo eine Veranstaltung mit dem damaligen Reichsinnenminister Frick mit einer telefonischen Bombendrohung und einer Unterbrechung der Stromzufuhr zu stören. Angesichts der Schlacht von Stalingrad und der sich abzeichnenden Kapitulation der deutschen Truppen am 31. Januar verteilt Fritz Dröge (sen.) mit Hilfe von Langenberg auf Lemgoer Gehwegen mindestens 110 Handzettel mit dem Aufruf: "Deutschland erwache! Willst Du Frieden, kämpfe gegen Hitler."

Am 29. April wird die Garage des örtlichen Führers des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps in Brand gesetzt.

Vorbereitung bewaffneter Aktionen
Ende des Jahres wird in Lemgo eine Wehrmachtseinheit, die auf dem Weg zur Front ist, für einige Wochen einquartiert. Mangels Platz in der örtlichen Kaserne wird ein Teil der Einheit privat untergebracht. In das Elternhaus seiner Freundin Anneliese Ilert zieht der damals 19 Jahre alte Christian Bausch ein.

Christian Bausch
Der aus Mönchengladbach kommende Christian Bausch ist in einer streng katholischen Familie aufgewachsen, hat einen katholischen Kindergarten, anschließend die achtjährige Volksschule besucht und den Beruf des Zimmermanns erlernt. Schon aufgrund seiner katholischen Herkunft und Erziehung will er mit dem nationalsozialistischen System nichts zu tun haben.

Der damals 33 Jahre alte Langenberg und Christian Bausch lernen sich kennen und beschließen, zusammenzuarbeiten. Im Januar und Februar 1944 hören sie verstärkt "Feindsender" ab. In der Nacht zum 18. Januar brechen sie in die Kellerräume der Braker Volksschule, in der Waffen und sonstige Ausrüstungsteile der Wehrmacht gelagert sind, ein. Sie entwenden fünf Pistolen, einen Karabiner, zwei Maschinenpistolen und jede Menge in einer Holzkiste verpackte Munition. Um Spuren zu verwischen, zünden sie die restlichen Materialien an.

Als die Einheit, in der Bausch Dienst tut, am 14. Februar auf dem Lemgoer Bahnhof verladen wird, um weiter an die Front zu fahren, steht Christian Bausch vor der Entscheidung: Desertieren oder weiter fahren zur Front? Er entscheidet sich zu desertieren. Langenberg und Bausch verbringen danach einige Tage in ihrem Versteck im Sonneborner Steinbruch bei Barntrup. Ihr zweites Versteck in Lemgo ist das Gartenhaus auf dem Schrebergartengrundstück einer befreundeten Familie, der Familie Sewöster.

Befreiung aus dem Gestapo-Gefängnis
Zehn Tage nach dem Waffendiebstahl, am 24. Februar, wird Anneliese Ilert, die Freundin von Langenberg, verhaftet und in das Bielefelder Gestapogefängnis in der Turnerstraße gebracht, in der Annahme, sie könnte Angaben über den Waffendiebstahl und den Aufenthaltsort von Langenberg oder Bausch machen. Langenberg und Bausch, beide in Wehrmachtsuniform, organisieren drei Fahrräder, fahren zu zweit mit drei Fahrrädern über dreißig Kilometer nach Bielefeld und befreien sie in der Nacht vom 17. auf den 18. März 1944 in einer filmreifen Aktion.

Diese Aktion wird Lemgoer Stadtgespräch. Manche Einwohner positionieren sich hinter vorgehaltener Hand positiv dazu. Andere werfen der Langenberg-Gruppe vor, unverantwortlich gegenüber ihren Freunden und Angehörigen gehandelt zu haben.

Treibjagd auf die Langenberg-Gruppe
Nach dieser Befreiungsaktion werden zahlreiche Personen aus dem vermeintlichen Umfeld Langenbergs verhaftet. In Lemgo und Umgebung durchsuchen Polizei- und Wehrmachtseinheiten jetzt Häuser und Gelände oder sperren Straßen ab.

Die Langenberg-Gruppe hält sich nach der Befreiungsaktion für einige Tage in dem Versteck unter der Sprenghütte im Sonneborner Steinbruch verborgen. Um Nachschub zu organisieren, ist Christian Bausch wieder nach Lemgo zurückgekehrt. Aufgrund der umfangreichen Durchsuchungsaktionen bleibt er in Lemgo und hält sich im Gartenhaus der befreundeten Familie Sewöster, ihrem zweiten eigenständigen Stützpunkt, auf.

Wilhelm Sewöster

Durch eine Denunziation wird die Polizei auf ihn aufmerksam. Als diese das Gartenhaus stürmen will, greift er zu seiner Waffe und schießt sich in die Schläfe.
Der zweite Tote an diesem Tag ist Wilhelm Sewöster, dem das Gartenhaus gehört. Er erhängt sich nach seiner ersten Vernehmung in der Zelle.

Langenberg und seine Mitstreiterin Anneliese Ilert halten sich mittlerweile wieder in Lemgo auf. Ebenfalls aufgrund einer Denunziation werden sie im Anbau des Hauses Plöger gestellt. Am späten Nachmittag des 27. März, einem Montag, hören sie "Feindsender" ab. Willy Langenberg ist auf das Dach des Hauses geklettert und hat die Antenne ausgerichtet, um die Sender besser hören zu können. Dabei wird er von einem Nachbarn beobachtet, der sofort die Polizei verständigt.

Das Haus, in dem die Gesuchten vermutet werden, wird weiträumig von zahlreichen Angehörigen der Polizei, der Gendarmerie und der Wehrmacht umstellt. Als die unbewaffnete Anneliese Ilert, um sich ergeben, die Leiter des Anbaus, in dem sie sich mit Willy Langenberg aufhält, hinabsteigen will, schießt einer der Polizeibeamten auf sie. Sie wird getroffen und zieht sich mit letzter Kraft wieder auf den Dachboden hinauf. Danach sind die Rufe zu hören: "Wir kämpfen für Deutschlands Freiheit und nicht für die Nazi-Banditen!" Kurz darauf fallen zwei Schüsse. Anneliese Ilert ist von ihrem Verlobten auf ihr Verlangen hin getötet worden.

In dem nachfolgenden Feuergefecht gelingt es Langenberg in den Keller des Hauses zu entkommen. Während des Sturmes auf den Anbau, bei dem Gewehrgranaten und eine Sprengladung eingesetzt werden, schießt Langenberg für die Einsatzkräfte überraschend aus den Kellerfenstern und trifft einen Soldaten. In der folgenden Verwirrung gelingt es ihm zu fliehen. Da er eine Unteroffiziersuniform anhat, kann er unerkannt und bewaffnet, aber verletzt fliehen. Während der Schießerei ist er am Oberschenkel und der Ferse getroffen worden.

"Es lebe die Freiheit! Nieder mit dem Schuft Adolf Hitler!"
Nun wird in der ganzen Region Lippe nach ihm gesucht. Als am 31. März ein Durchsuchungskommando aus Polizei-, Gendarmerie- und Wehrmachtskräften den Großraum um die Stadt Barntrup durchkämmt, stößt dieses auch auf den Steinbruch und die Arbeitshütte, unter der sich das Versteck Langenbergs befindet.

Die Durchsuchenden haben das Gelände schon ergebnislos verlassen, als der übereifrige Gendarmeriemeister Hellweg noch einmal zurück zu der Arbeitshütte gehen will. Willy Langenberg hat sein Versteck gerade verlassen, um die Verfolger zu beobachten. Er sieht diesen auf die Hütte zu kommen sieh und eröffnet er mit einer Maschinenpistole das Feuer, trifft seinen Verfolger an der Hand, so dass dieser seine Waffe fallen lassen muss. Der Verletzte versucht zu seinen Kameraden zu flüchten. Diese wiederum eröffnen das Feuer auf Langenberg. In dem anschließenden Schusswechsel trifft Langenberg den Gendarmeriemeister zuächst in die Brust und anschließend in den Kopf. Langenberg sieht sich nun angesichts der herannahenden Einsatzkräfte in einer ausweglosen Lage und setzt mit den letzten Projektilen seiner Waffe seinem Leben ein Ende. Nach den Angaben seiner Verfolger soll er dabei gerufen haben: "Es lebe die Freiheit! Nieder mit dem Schuft Adolf Hitler!"

Von der Langenbergschen Gruppe überleben die beiden Dröges: Fritz Dröge (jun) wird als Frontsoldat wegen Abhörens feindlicher Sender verhaftet, kann aber fliehen. Er taucht bis zum Kriegsende unter.
Fritz Dröge (sen) überlebt die Haft wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Er kandidiert nach dem Krieg für die KPD zum Bundestag.

Motive der Langenberg-Gruppe und ihrer Unterstützer
"Der stärkste Trieb im Menschen wie in jedem anderen Tier ist der Selbsterhaltungstrieb und der Trieb der Freiheit, []" (Willy Langenberg)

Das Ethos (die sittlich-moralische Grundhaltung) der Langenberg-Gruppe sowie der aus dem kommunistisch, sozialdemokratisch und christlich geprägten Milieu kommenden Unterstützer ist geprägt durch die Sehnsucht nach Freiheit, Freiheit von Hunger, Freiheit von Unterdrückung und Freiheit der persönlichen Lebensgestaltung. Die Langenberg-Gruppe versuchte mit ihren Parolen die Köpfe und Herzen der Menschen zu erreichen, diese zum Nachdenken zu bringen und zum eigenständigen Handeln zu bewegen. Zum anderen versuchte sie durch Anwendung von Gewalt gegen Sachen Sand in das Räderwerk der Militärmaschinerie zu streuen und den nationalsozialistischen Staat zu schädigen. Willy Langenberg sowie seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter waren bereit, für ihre persönliche Freiheit und der ihrer Mitmenschen ihr Leben zu riskieren. Gewalt gegen Personen wurde nur im Notfall, aus Notwehr, eingesetzt, wenn keine andere Möglichkeit mehr blieb. Sie wollten bis zum Schluß über ihr Leben selbst bestimmen.

Für Willy Langenberg sowie seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter hatte ihre persönliche Freiheit einen hohen Stellenwert. Willy Langenberg selbst sah sich nicht gerne in einer Opferrolle. Er setzte sich ein, von seinen materiellen Bedürfnissen ausgehend, sowohl für seine Interessen, als auch für die seiner Mitmenschen, für seine Selbsterhaltung und seine Freiheit und für die seiner Mitmenschen, für eine Gesellschaft ohne Hunger. Für sein Verhalten beruft er sich auf den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant: "Handle so, dass die Maxime Deines Willens jederzeit für Prinzipien der Allgemeinheit gelten können."

Über Willy Langenbergs Motivation, dem nationalsozialistischen System Widerstand zu leisten, gibt ein Brief Auskunft, den er nach seiner Flucht aus der Untersuchunshaft in Detmold am 20. August 1932 an den Detmolder Oberstaatsanwalt Dr. Tornau schrieb mit dem Inhalt:
"Ehrlich sei der Mensch, hilfreich und gut ist meine Devise, und habe danach gehandelt. Der stärkste Trieb im Menschen wie in jedem anderen Tier ist der Selbsterhaltungstrieb und der Trieb der Freiheit, [] Ich bin jung nichts vom Leben gehabt, soll jetzt meine Jugend im Gefängnis verbringen! Nein! Ich werde versuchen, mir meine Freiheit so lange zu erhalten wie nur eben möglich. Hunger tut weh und deswegen kämpfe ich im Interesse meiner selbst und der Mitmenschen. Die bürgerliche Gesellschaftsordnung, die sie Herr Staatsanwalt vertreten, ist veraltet, dieselbe gehört der Vergangenheit an. Das müssen sie wissen.das Alte stürzt, Neues blüht aus den Ruinen. Was ist Kultur, was ist Bildung für ein hungerndes Tier? Bigotterie! Ich handelte, wie ich handeln musste, nicht ehrlos. Ich spreche mit Liebknecht: 'Ich habe eine andere Ehre wie sie, die aber viel mehr Wert ist.' Immanuel Kant: 'Handle so, dass die Maxime Deines Willens jederzeit für Prinzipien der Allgemeinheit gelten können.' Dies tat ich []"

Unterzeichnet ist das Schreiben mit:
"Mit proletarischem Gruß Willy Langenberg Rot Front"



Literatur
Stiller, Eike (unter Mitarbeit von Helmut Heinze, Lothar Skorning, Rolf Schwegmann und Andi Wolff): Willy Langenberg. Arbeitersportler im Widerstand in Lippe.
- Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte 2000. (Forum Lemgo: Schriften zur Stadtgeschichte. Heft 9). ISBN 3-89534-298-X.

Wir bedanken uns bei Herrn Eike Stiller und den Mitarbeitern dafür, dass wir das Buch und die Abbildungen für den Artikel verwenden durften.





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