Literatur / Rassismus


Literatur im Salzekurier

DER RASSISMUS
IST IM KINDERGARTEN ANGEKOMMEN


Elifa Krijestorac - 14.12.2010

WEIL MUSLIME MIT TIEREN SEX MACHEN



Meinen kleinen Freund Julian kenne ich, seit er drei Monate alt war.
Sein Vater hatte kurz vor Julians drittem Geburstag eine neue Liebe gefunden und jetzt lebt Julian mit seinem jüngeren Bruder Sven allein bei seiner Mutter.

Mich nennen die beiden Tante, weil ich viel Zeit mit ihnen verbringe während ihre Mutter arbeitet. Sie kann sich von ihrer Halbtagstelle kein Hausmädchen leisten, deshalb habe ich ihr angeboten, dass ich mich in meiner Freizeit um die Kinder zu kümmere.
Die zwei Bengel mag ich sehr, und es ist öfter vorgekommen, dass sie nicht ins Bett wollten, ohne mir vorher Gute Nacht zu wünschen. Dann musste ich kurz rüber und es war wieder in Ordnung.

Als Julian in den Kindergarten kam, musste ich ihn oftmals abholen. Eines Tages fragte er mich, ob sein neuer Freund Mustafa mit ihm in meiner Wohnung spielen dürfe.
Selbstverständlich stimmte ich zu, und Mustafa kam dann und wann mit Julian zu mir.

Man sah schon beim Spielen, dass die beiden sich mochten. Es gab kein Streit zwischen ihnen.
Sie teilten sich gerecht alle Süßigkeiten, die ich ihnen spendierte, und deswegen erlaubte ich ihnen auch, mit meiner Gitarre zu spielen.

Ich liebe Kinder und es machte mir wirklich Spaß, mit den drei Kindern meine Zeit zu verbringen.
Mustafa war ein sehr aufgewecktes Kind. Julian war wohl sein bester Freund.
Mustafa hat ein Talent zu Malerei und weil ich selber gerne male, malten wir manchmal gleichzeitig ein Bild. Julian guckte uns zu.

In Sommer hat Julians Mutter eine dritte Schaukel im Garten aufgestellt, so dass Mustafa jetzt eine eigene Schaukel hatte. Oft sah ich von meinem Fenster aus, wie die drei Kinder sich freundlich und unbekümmert um die Bäume jagten und versuchten, sich zu fangen, und wie sie laut lachten, wenn es einem gelungen war.
Manchmal kam Mustafas Mutter mit einer Glasschüssel Süßigkeiten und plauderte lange mit mir und Julians Mutter.

Eines Tages kam Julian allein zu mir, was nicht ungewöhnlich war. Aber als Mustafa auch in den nächsten Tagen nicht da war, fragte ich Julian, was mit Mustafa los sei, ob er vielleicht eine Krankheit habe.
„Nein”, antwortete Julian, “er ist nicht mehr mein Freund”. Er schaute auf den Boden. „Aber warum”, fragte ich, „Ihr wart so gute Freunde!“
„Weil mein Onkel erzählt hat, dass die Muslime mit Tieren Sex machen”, sagte Julian leise. Und Mustafa ist auch ein Moslem.

Ich war so geschockt , dass ich mich hinsetzen musste. Mein Herz pochte minutenlang und ich konnte kein Wort mehr finden, um dass Gespräch mit Julian fortzusetzen. Ich war wie gelähmt.

Irgendwann kam ich wieder zu mir und während Julian mit meiner Gitarre spielte, fragte ich ihn, ob er vielleicht seinen Onkel falsch verstanden habe.
„Aber nein”, sagte Julian und fügte hinzu: „Mein Onkel hat das ganz genau im Fernsehen gehört. Und die schlagen auch Frauen”, fügte er energisch hinzu.

Ich blieb stumm.

Julian wendete sich wieder der Gitarre zu und fing an zu spielen. Ich sah sein blondes Haar und die kleinen Finger, die sich um die Gitarre schmiegten. Er sah wie ein unschuldiger Engel aus, als er mir plötzlich einen wunderschönen und unheimlich traurigen Blick schenkte.

„Fehlt dir der Mustafa?”, fragte ich vorsichtig, um ihn nicht zu verletzen.
„Ja”, antwortete Julian kurz und legte die Gitarre neben das Bücherregal.
Bevor er ging, gab er mir wie immer einen schnellen Kuss.

Ich holte meine Zigaretten und ging in die Gartenlaube.

Werde ich hier in so einem Land bleiben können?
Ich weiss es wirklich nicht.

Aber eins weiss ich mit Sicherheit:
Diesen Blick und diese zerbrochene Kinderfreunschaft werde ich dieser grausamen Gesellschaft nie verzeihen.

So lange ich lebe.



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Elifa Krijestorac ist eine muslimische Bosnierin. Sie lebt seit 1984 in Deutschland.


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