Literatur / Jugoslawien


Literatur im Salzekurier

Gebt mir meine Heimat zurück


Elifa Krijestorac - 10.10.2010

Eine Heimreise



Es war mal wieder Zeit für eine längere Pause. Als ich dann schließlich in Urlaub fuhr, führte es mich in die Richtung meiner alten Heimat. Ich nenne sie immer noch "Jugoslawien", weil ich sie als Jugoslawin verlassen habe. An eine neue Heimat, die früher nur ein Teil von Jugoslawien war, kann ich mich immer noch nicht gewöhnen, obwohl sich dort mein Geburtsort befindet. Denn das ist so, als ob man den halben Körper verliert und mit der anderen Körperhäfte leben muss.
Das tut weh.

Als ich gegen Mittag endlich an der serbischen Grenze ankam, spürte ich wieder diesen Schmerz, denn hinter mir blieben Slowenien und Croatien, von denen ich nur einen Zollstempel in meinem Pass mitnehmen durfte. Dort war ich jetzt eine Fremde, eine Ausländerin in all den Städten, in denen ich meine Jugend verbracht und wo ich viele Freunde hatte.

"Willkommen in Serbien", begrüßte mich eine kleiner Zigeunerjunge, der nicht weit von einem Restaurant entfernt unter einem großen Birkenbaum im Schatten stand. Er spielte eine Zieharmonika und fragte mich, ob er für mich das Lambada Lied spielen sollte.
Aber ich hatte große Hunger und wollte lieber ein warmes Essen. "Komm mit mir", sagte ich, "Erst essen wir zusammen und später kannst du mir Lambada spielen. Ok?"

Der Junge zögerte keine Sekunde. Sichtlich erfreut schlug er seine Zieharmonika auf den Rücken und wir gingen gemeinsam in das Restaurant.
Nach dem Essen fragte mich der Junge erneut, ob ich einen besonderen Wunsch hätte. Er behauptete, alle Lieder zu kennen, die alten und die neuen.
"Na gut", sagte ich, "Spiel mir das Lied 'Jugoslawia'".

Das Lied war Mitte der Achtziger von einer Frau geschrieben worden, die in Kanada lebte. Das Lied war zuerst ein Hit und später ein Art zweite Internationale für uns Jugoslawen.
Eigentlich wollte ich damit den Jungen verunsichern, so aus Spaß, aber der Junge hob die Zieheharmonika auf und nachdem er paar Akkorde ausprobiert hatte, fing er an, das Lied zu spielen.
Er guckte mich dabei mit einem Siegerlächeln an und spielte so leidenschaflich, dass mir die Tränen in die Augen schossen.
"Sie sind wie mein Opa", sagte der Junge. "Als der mir dieses Lied beibrachte, weinte er jedes Mal, und wenn ich heute das Lied wieder spiele, weint die Oma. Es war Opas Lieblingslied, müssen Sie wissen. Mein Opa war während des zweiten Weltkrieges als Gefangener in einem deutschen Lager. In Treblinka glaube ich. Er war ein Partisane, verstehen sie?"
Ich nickte nur mit Kopf und gab ihm ein Zeichen, dass er weiter spielen solle.

Und während er spielte, wachten Erinnerungen aus vergangenen Zeiten auf und das einmal überglückliche Kind in mir fing an, bitter zu klagen.
Tausende Bilder wurden plötzlich lebendig. Besonders Bilder aus jener Zeit, als ich als junges Mädchen in die Jugendbrigade kam, um als freiwillige Helferin am Aufbau unseres Landes teil zu nehmen.

Damals war ich gerade vierzehn und wir waren alle Geschwister. Vereint in Freiheit und Liebe, glücklich wie keine andere Jugend in dieser Welt und immer bereit, für diese Freiheit unser Leben zu geben, wenn es sein musste.

Wir gingen in die gleichen Schulen, studierten an den gleichen Universitäten, wir liebten uns ohne Unterschiede, wir sangen die gleiche Lieder.
Wir liebten das Meer und den Strand, an dem wir manchmal bis tief in der Nacht Gitarre spielten und Rotwein tranken, wir liebten unsere Berge und Täler, wo die schönsten Narzissen wuchsen, wir schlossen Ehen, ohne zu fragen, wer reich war oder arm. Die Religione waren uns fremd. Wir teilten bedingungslos alles, was wir hatten. Wir lebten eine für die andere.
Es gab nichts, was uns trennen konnte, wir waren einfach nur Jugoslawen.

Damals haben wir die Schnellstraße gebaut, die Belgrad und das Meer verbindet, heute immer noch. Es war die glücklichste Zeit meines Lebens.

Jetzt ist dort auf halber Strecke ein Zollhaus. Es wurde errichtet, um Montenegro abzutrennen. Das war so, als ob man uns die Herzschlagader durchschnitt. Viele Freundschaften sind danach gestorben, viele Lieben daran zerbrochen, viele Träume und Hoffnungen, dass es jemals wieder so wird wie früher. Und was noch schlimmer war, wir haben uns nicht freiwillig getrennt. Nein! Wir wollten uns nicht trennen. Die Drahtzieher befanden sich in Europa. Sie trennten das, was durch die tapfere Befreiung von Faschismus geboren und zusammen gewachsen war. Dann kamen die Nationalisten und gaben meiner Heimat der Todesstoß.

Statt dass ich mich heute auf ein Wiedersehen freue, beweine ich die unzähligen Gräber meiner ermordete Freunde. Viele Fragen sind offen geblieben, meine Generation aus den Jahren '56 lebt nicht mehr, fast alle sind in dem sinnlosen Krieg gestorben.

Lange konnte ich das nicht begreifen, ich begreife das immer noch nicht ganz. Es ist schrecklich, mit toten Freunden und Verwandten zu sprechen.
In diesem Krieg ist auch ein Teil von mir gestorben. Seitdem suche ich immer noch nach mir selbst.

Und jedes Mal wenn mir Ausländerfeindlichkeit entgegen schlägt, höre ich eine innere Stimme, die lautlos in mir schreit: "Gebt mir meine Heimat zurück"...

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Elifa Krijestorac ist eine muslimische Bosnierin. Sie lebt seit 1984 in Deutschland.


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