Berichte / "Vergangenheitsbewältigung"


Adlerwarte Berlebeck

Schatten der Vergangenheit


KS 26.09.2010

Vergessen, verdrängen, verschweigen?



"Adler über dem Lipperland"
(Schlagzeile der Zeitung "Lippische Staatszeitung" vom 02. Juli 1939)

"Feste feiern unter Geiern!"
(Motto des Dorffestes von Berlebeck vom 10.-12. September 2010)

War die Eröffnung der Adlerwarte Berlebeck am 1. Juli 1939 eine private oder öffentliche Veranstaltung?
Welche propagandistische und ideologische Funktion hatte die Adlerwarte Berlebeck auf regionaler Ebene?
- Das Adler-Symbol war für die nationalsozialistische Bewegung ein wichtiges Zeichen.
- Wozu kann die Strategie des Vergessens, Verdrängens und Verschweigens führen?

Zu der Geschichte der Adlerwarte Berlebeck liegen Veröffentlichungen in Buch- oder Broschürenform vor, zum einen das 2008 veröffentlichte Buch von David Motadel mit dem Titel "Adler auf der 'Hitlerhöhe'" und dem Untertitel: "Die Entstehung der Adlerwarte Berlebeck zur Zeit des Nationalsozialismus", sowie zum anderen die im Jahr 2009 in der Reihe "Lippische Kulturlandschaften" des Lippischen Heimatbundes erschienene Broschüre von Sven Hansen "Adlerwarte Berlebeck".

Der Autor des Buches "Adler auf der 'Hitlerhöhe'" hatte 2001 als Schüler des Leopoldinums im Rahmen einer Studie zu den Themenbereichen "Zoogeschichte, Geschichte der symbolischen Bedeutung des Tiers in der Geschichte, besonders in der Zeit des 'Dritten Reiches'" die Geschichte der Adlerwarte Berlebeck dargestellt. Daraus entstand dieses Buch. In der Broschüre des Lippischen Heimatbundes wird inhaltsgleich mit dem Buch "Adler auf der 'Hitlerhöhe'" die Gründung der Adlerwarte Berlebeck skizziert.

Das 1958 in Calcutta erschienene Buch von Savitri Devi mit dem Titel "Pilgrimage" (auf deutsch: Wallfahrt oder Rundfahrt) zeigt, wie ausländische Besucher die Adlerwarte Berlebeck historisch einordnen. Devi Savitris Erlebnisbericht über die Adlerwarte ist eingebunden in das Kapitel "Hermann's Monument and the Valley of the Eagles" (S. 295 bis 317). Die Adlerwarte Berlebeck wird hinter Linz, Braunau am Inn, dem Obersalzberg, München oder Nürnberg, der Stadt der nationalsozialistischen Reichsparteitage, erwähnt.

Die Eröffnung der Adlerwarte: privat oder öffentlich?
Sowohl in der Darstellung von David Motadel (Zitat auf Seite 39: "Ein öffentliches Einweihungsfest fand nicht statt.") als auch in der des Lippischen Heimatbundes wird die Eröffnung der Adlerwarte so dargestellt, als ob es eine private Veranstaltung gewesen wäre. Dort wird die offizielle Eröffnung so geschildert: "Bei der Einweihung am Samstag, 1.Juli 1939, in dem Berlebecker Hotel 'Zur Forelle', waren u.a. die Bürgermeister der Umgebungsgemeinden, Landrat Schweiger, NSDAP-Kreisleiter Wedderwille und Vertreter der Stadt Detmold sowie die Presse anwesend. Die Begrüßung hielt Bürgermeister Hilker []"

Handelte es sich bei der Eröffnungsveranstaltung wirklich um eine private Veranstaltung? In der Lippischen Staatszeitung vom 02.07.1939 wird unter dem Titel "Adler über dem Lipperland. Berlebeck erhielt eine neue Sehenswürdigkeit Der 'König der Luft' auf der Hitler-Höhe" dazu geschrieben: "Am gestrigen Nachmittag versammelten sich auf Einladung von Bürgermeister Hilker (diese und nachfolgende Hervorhebungen durch den Verfasser) zahlreiche Gäste, wie Kreisleiter Wedderwille, Landrat Schweiger, die Bürgermeister der Umgebungsgemeinden, Vertreter der Stadt Detmold, des Fremdenverkehrsverbandes und der Presse zur Besichtigung der Anlage. Bürgermeister Hilker begrüßte die Gäste und wies auf die Bedeutung des vollendeten Werkes hin." (Lippische Staatszeitung, 02.07.1939: Adler über dem Lipperland. Berlebeck erhielt eine neue Sehenswürdigkeit Der "König der Luft" auf der Hitler-Höhe.)

Der Falkner verdeutlichte in seiner Rede, für ihn handele es sich "um eine rein naturkundliche und volksbildende Einrichtung" [Ebenda]. Über den Steinadler "Peter", den der Falkner vorführte, schrieb der Autor des Artikels mit dem Kürzel "sk": "Er ist Sinnbild und Wappenvogel der Bewegung geworden: [...]" [Ebenda] Mit "Bewegung" war die nationalsozialistische Bewegung gemeint, und der Adler war das Symbol der NSDAP.

Wenn der Bürgermeister einlud, eine Begrüßungsrede hielt, die Honoratioren des Ortes und des Landkreises eingeladen waren, und wenn der Ortsbürgermeister die Begrüßungsrede hielt, dann muss das als öffentliche Veranstaltung gewertet werden; zumal die Presse ebenfalls anwesend war.

Die propagandistische und ideologische Funktion der Adlerwarte Berlebeck
Die Adlerwarte Berlebeck wurde am 1. Juli 1939 offiziell eröffnet. Sie sollte aus der Sicht der damaligen lokalen Politiker einerseits für die Region, und andererseits für die nationalsozialistische Weltanschauung werben. Die lokalen Politiker wollten das "Unternehmen Adlerwarte" kontrollieren. Zum Beispiel untersagte der Detmolder Bürgermeister Keller Adolf Deppe, dem Gründer der Adlerwarte, um finanzielle Unterstützung durch Privatleute zu bitten, um ihn von der Unterstützung durch die Stadt Detmold abhängig zu halten. (Motadel: Adlerwarte 2008, S. 38)

Der Adler war das "Parteitier" der NSDAP. So bildete zum Beispiel am 14. Januar 1933 bei einer Rede Adolf Hitlers in Bad Salzuflen anlässlich des Landtagswahlkampfes ein Adler, flankiert mit zwei Hakenkreuzen, die Dekoration der Rednerbühne. Der Adler als "Arier des Tierreichs" sollte nationale Größe und Macht sowie die Überlegenheit der arischen Rasse symbolisieren. Gleichzeitig stand er für Sozialdarwinismus und das Recht des Stärkeren.

Besuchergruppen: wie damals so auch in der Gegenwart
Zu den Besuchern der Adlerwarte zählten damals neben den Kurgästen Berlebecks regelmäßig Schulklassen, Jugendgruppen. Für die regionalen Gruppen der Hitlerjugend war der Besuch der Adlerwarte im Rahmen der nationalsozialistischen Erziehung Pflichtprogramm.

Im August 2006 (!) durfte eine Gruppe der mittlerweile rechtskräftig verbotenen nationalsozialistisch ausgerichteten "Heimattreuen Deutschen Jugend" in HDJ-Uniform eine Greifvogelvorführung erleben. Obwohl sie davon informiert waren, um wen es sich bei der Gruppe handeln könnte, schritten das Personal der Adlerwarte, die Detmolder Verwaltung und die Polizei nicht ein. Eine Folge davon, dass sich die Mitarbeiter der Adlerwarte offenkundig nicht ausreichend mit der Entstehung der Adlerwarte und den damaligen politischen Rahmenbedingungen beschäftigen wollen - oder nicht dürfen?

In der Stellungnahme der Verwaltung ("Mitteilungsvorlage öffentlich") vom 17.08.2010 zu dem Antrag von Bündnis 90/Die Grünen, das Buch von David Motadel"Adler auf der 'Hitlerhöhe' - Die Entstehung der Adlerwarte Berlebeck zur Zeit des Nationalsozialismus" auf der Adlerwarte Berlebeck zu verkaufen, wird argumentiert: "Selbst wenn ein Besucher sich um Aufklärung über diese Publikation (das Buch von David Motadel) bemüht, haben die Mitarbeiter bei der arbeitsintensiven Tätigkeit keine Zeit, angemessen Auskunft zu geben. Es wird empfohlen, sich in der Saison die Schlangen am Kiosk und den Besucherandrang bei den Flugvorführungen zu vergegenwärtigen." Also: Keine Zeit für Aufklärung und klare Gedanken!

Vergessen, verdrängen, verschweigen?
Es ist nun einmal eine historische Tatsache, dass die Adlerwarte Berlebeck zu der Zeit des Nationalsozialismus entstanden ist. Bei der 70-Jahr-Feier im Jahre 2009 wurde diese Tatsache jedoch vom Bürgermeister der Stadt Detmold, Rainer Heller, in seinem Grußwort mit keinem Wort erwähnt.

Zu vergessen, zu verdrängen oder zu verschweigen hilft nicht dabei, Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Besonders die Detmolder Erinnerungs- und Gedenkkultur sollte der Leitlinie folgen, die der ehemalige Detmolder Bürgermeister und jetzige Vorsitzende des Lippischen Heimatbundes, Friedrich Brakemeier, anlässlich des Auschwitz-Gedenktages am 27. Januar 2001 so formulierte:
"Wir dürfen nicht schweigen, sondern müssen sprechen.
Wir dürfen nicht verschweigen, sondern müssen ansprechen.
Wir dürfen nicht vergessen, sondern müssen uns erinnern."
- Und Konsequenzen daraus ziehen!

- Übrigens: Seit 1972 gehört die Adlerwarte Berlebeck der Stadt Detmold.


Zum Thema

Bücher und Broschüren
Hansen, Klaus: Adlerwarte Berlebeck. - (Detmold: Lippischer Heimatbund 1. Auflage 2009) (= Lippische Kulturlandschaften, Heft 13).
Motadel, David: Adler auf der "Hitlerhöhe". Die Entstehung der Adlerwarte Berlebeck zur Zeit des Nationalsozialismus. - (Detmold: Panorama Verlag 2008) (=Regionalhistorische Studien zum Nationalsozialismus).
Devi, Savitri: Pilgrimage. - Calcutta 1958. (Kapitel "Hermann's Monument and the Valley of the Eagles", Sn 295-317, zur Adlerwarte Berlebeck ab S. 312.

Artikel in Zeitungen
Lippische Staatszeitung, 02.07.1939:
Adler über dem Lipperland. Berlebeck erhielt eine neue Sehenswürdigkeit Der "König der Luft" auf der Hitler-Höhe. (Einzusehen im Staats- und Personenstandsarchiv Detmold, Zeitungssammlung)
Lippische Landes-Zeitung, 24.05.2008 :
Hitlers Vogel über Berlebeck. Neues Buch beleuchtet die Gründungsgeschichte der Adlerwarte in den 1930er-Jahren.
Lippe aktuell , 28.05.2008:
Detmolder veröffentlicht Buch. Geschichte der Adlerwarte.
Lippische Landes-Zeitung , 02.09.2010:
Buchtitel soll das Nest nicht beschmutzen. Verwaltung möchte Aufarbeitung von Cambridge-Historiker auf Adlerwarte nicht verkaufen.
Lippische Landes-Zeitung , 02.09.2010:
Befremdliche Befindlichkeit (Kommentar von Sven Koch)

Internetseiten:
www.hiergeblieben.de - Suchfunktion-Stichwort: Adlerwarte
www.detmold-adlerwarte.de/
http://de.wikipedia.org/wiki/Adlerwarte_Berlebeck


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