Berichte / Sport und Politik


Woanders gelesen: unsere zeit 9.Juli 2010

Gott will keine Konkurrenz


Carlos Malbrán - 29. Juni 2010

Ein offener Brief an Diego Maradona



(Bild: Alexandr Mysyakin, wikipedia)

Diego Maradona zu diskriminieren, war - nicht nur - im Vorfeld des Viertelfinales der Fußballweltmeisterschaft zwischen Argentinien und Deutschland eine der beliebteren Übungen unserer Presse. Das hat seine Hintergründe, wie aus dem folgenden offenen Brief von Carlos Malbrán deutlich wird.

Lieber Diego, "Pelusa", "Pibe de Oro", "Diez", "Dios", "Gordo"! (Fluse, Goldjunge, Zehn, Gott, Dicker)

Ich will an etwas erinnern, damit du es nicht vergisst und auch kein Argentinier. Du warst ein Kind aus dem Armenviertel Fiorito. Eine der provisorischen Siedlungen, ungesund und labyrinthartig, mit prekären Wohnungen, in denen sich die Vertriebenen türmen. Brutales Symptom für Marginalisierung und Armut, von der die Politiker lieber nicht sprechen, weil sie sonst die ganze legale Struktur des Systems gefährden würden.

Du spieltest Fußball, weil er der Ausbruch der Armen ist, der sie zeitweise aus dem täglichen Unglück bringt. Das Leben hatte dir fast alles verneint, und du, wie tausende argentinische Jungs, machtest dich los davon mit Tritten gegen den Ball, mit deinen kaputten Schuhen.

1973 sagte dir jemand: "Junge, wir wollen eine Mannschaft für das ´Evita´-Turnier zusammenstellen, machst du mit?" Mit deinen dünnen Beinen und deinem "Negrito"-Gesicht wurdest du zum Albtraum des Turniers, niemand wollte sich dir entgegenstellen. Die "Cebollitas" (Zwiebelchen) , so hieß die Mannschaft, holte den Cup und im Jahr darauf gewann sie die Meisterschaft der 8. Division. Die Mannschaft blieb 136 Spiele lang unbesiegt und dank des Ruhms der "Zwiebelchen" lerntest du Peru und Uruguay kennen, wohin ihr eingeladen wurdet. Du warst nicht einmal 12 Jahre alt und schon Champion.

Jemand hatte die Idee dich beim Club Argentino Juniors anfangen zu lassen. Es war leicht, der erste illegale Akt deines Lebens: sie gaben dir einen anderen Namen und fälschten das Alter, gaben dir zwei Jahre mehr, damit du spielen durftest. Völlig nutzlos, denn als du spieltest, war deine Brillanz derartig, dass alle fragten: "Wer ist der Kleine? Woher kommt dieses Wunderwerk?" Also entschieden sie, dass es das Beste wäre, dich in den Pausen der Spiele der 1. Division auftreten zu lassen, damit du die Fans mit deinen Ballfertigkeiten beglücktest. Du wurdest als Zauberer geboren. Immer hat der Ball gemacht, was du wolltest, oder war es umgekehrt?

Du kamst euphorisch nach Hause: "Mama, sie haben mir Geld gegeben!" Doņa Dalma gab dir einen Kuss und dein Vater Diego schenkte dir ein Lächeln und einen lieben Klaps. Es gibt sogar eine alte Coca-Cola-Werbung, wo man diesen Jungen mit seinen Zaubertricks sieht. Das erste Mal, dass du in den Zeitungen warst (die, die immer versuchen dich wegen deiner Ideen zu zerstören), warst du zehn. Der "Clarín" schrieb: "Da war ein Junge mit Haltung und Klasse eines Cracks ..." Dieser Journalist wusste nicht, dass noch viele Seiten zu füllen waren, mit Geschichten des "Kleinen von Fiorito". Denn du stiegst innerhalb von zwei Jahren mit Argentino Juniors acht Klassen auf, von der neunten in die erste Division, und machtest Geschichte mit deinen Toren: 1978 ließ dich der "Flaco" (Der Dünne) Menotti nicht in der Mannschaft spielen, die die Weltmeisterschaft gewann, weil du noch zu jung warst, obwohl du Torschützenkönig des Metropolitano-Turniers warst; aber ein Jahr darauf gewannst du uns die Weltmeisterschaft im Jugendfußball.

In dieser Zeit entschiedest du dich für Boca zu spielen, obwohl River dich verpflichten wollte und dir dasselbe bot wie Ubaldo Fillol, der bestverdienende Fußballer. Boca hatte damals ernste wirtschaftliche Probleme und konnte dich nicht kaufen. du machtest uns zum Meister, aber du bliebst nicht lang. Europa hat immer besser bezahlt und du gingst zu Sevilla und später nach Neapel.

Die Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko wird immer als die Weltmeisterschaft von Maradona erinnert werden, und ich könnte viele Seiten vollschreiben mit den Emotionen, die du uns geschenkt hast, denn immer, wenn du einen Ball im Netz versenkt hast, war es kein Tor von Maradona, sondern es war ein Tor der Genugtuung aller Armen deines Volkes. Die FIFA musste dich widerwillig (die Oligarchen des Fußballs mögen dich nicht, Diego) zum besten Fußballer des 20. Jahrhunderts wählen. Für uns bist du viel mehr. Ich werde immer erinnern, als man dich wegen der Abgründe der Drogen als Notfall ins Krankenhaus brachte, und eine verängstigte Menge machte ganze Straßenzüge um das Krankenhaus herum unpassierbar. Einer brachte ein Plakat an: "Der Himmel muss warten", ein anderes sagte "Du wirst immer leben, Gott will keine Konkurrenz", und ein anderes "Jesus stand wieder auf - du tausend Mal" und das vielleicht wichtigste: "Diego, gib nicht auf, du kommst zurück. Du kannst nicht verlieren - denn Maradona spielt bei dir!" Du kamst weg von den Drogen, wie du dich auch von jedem Schlag erholt hast, den man dir auf dem Feld erteilt hat, aber die internationalen Medien überhöhten immer deine Abhängigkeit und jeden Fehler, den du machtest, denn, was sie dir nicht verziehen, war, dass du trotz des Geldes, des Ruhms und der Ehre nie den Jungen aus dem Armenviertel von Fiorito vergessen hast, und jede deiner politischen Botschaften rührt an das Bewusstsein der Armen und Ausgebeuteten der Welt.

Der Markt kann akzeptieren, dass du ein Fußballgenie bist, aber nicht, dass du zur Kompensation einer wegen mehrerer Militärdiktaturen und der Handlungen korrupter Politiker frustrierten Gesellschaft geworden bist.

Man akzeptiert (was bleibt ihnen auch übrig?), dass du ein Champion bist, aber nicht, dass du die Gefühle der Entrechteten reflektierst, die glauben müssen, dass Gott nicht so weit weg ist.

Das werden sie dir nie vergeben, Diego. Die FIFA kann dir nicht vergeben, dass du die Spielergewerkschaft voranbringst, derer, die du Fußballarbeiter nennst, denn das würde ein Geschäft angreifen, das alle vier Jahre Millionen Dollar bewegt. Wenn Maradona eine Schule stiftet oder eine Kollekte für arme gelähmte Kinder anregt, dann wird er auf keine Titelseite einer Zeitung in der Welt kommen, denn das Unverzeihliche sind nicht solche Akte an sich, sondern dass du das machst und dabei sagst, dass du nur etwas von dem zurückgibst, was die Reichen den Leuten stehlen.

Demagoge, Populist, Opportunist, Drogenabhängiger - das sind die von den Herren der SIP (Interamerikanische Pressegesellschaft) angeratenen Bezeichnungen, die neben deinen Namen sollen. So wie sie immer raten die Erklärungen des Herrn Pelé hervorzuheben, denn der ist ein "Guter". Man bringt ihn unter ein Plakat irgendeiner Firma von Sportprodukten, was man ihm natürlich bezahlt, um immer das System und seine Interessen zu gewährleisten. Davon lebt er.

Sie werden dir nicht deine Besuche bei Chávez verzeihen -> Zu einem Bild bei 2.bp.blogspot.com , oder dass du den Che auf deinem Rücken tätowiert hast. -> Zu einem Bild bei wordpress

Das einzige Mal, wo ich nahe bei dir stand, war im November 2005, wo du uns anlässlich des Präsidentengipfels in Mar del Plata eingeladen hast, Bushs Anwesenheit in Argentinien zurückzuweisen. Die großen Zeitungen der Welt haben in diesen Tagen das Foto der argentinischen Mannschaft nicht veröffentlicht, die beim Abschied nach Südafrika mit einem großen Banner posierte: "Wir unterstützen die Großmütter der Plaza de Mayo für den Friedensnobelpreis!" Auch nicht die Nachricht, dass du in Pretoria Estela Carlotto mit einer großen Umarmung begrüßt hast. (Auf dem zentralen Mai-Platz in Buenos Aires demonstrieren Mütter und Großmütter von Verschwundenen der Militärdiktatur jede Woche seit über dreißig Jahren; Estela Carlotto ist eine von ihnen.)

Das verzeiht man nicht, Diego.

Der Fußball, du weißt das besser als jeder, ist ein unvorhersehbares Spiel und wie du richtig gesagt hast: "Es gibt keine Favoriten. Jeder kann dir den Ball in den Winkel schießen, und alles, was du gemacht hast ... ist weg!" Alles ist möglich, aber wegen all dem und viel mehr will ich dir sagen, dass, wenn das geschieht, dann mach dir kein Problem daraus, denn für uns hast du schon alles getan. Danke dafür, dass du Maradona bist. Danke dafür, dass du unsere Freude bist und unsere Hoffnung. Danke dafür, dass du nicht vergisst, dass du der Junge von Fiorito bist. Danke dafür, dass du uns alle immer mit Würde repräsentierst. Danke, Champion!

Übers.: Günter Pohl

Das folgende Video auf Youtube von Manu Chao passt zum Text: -> "La Vida Tombola"




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