Berichte / Kultur


In Bad Salzuflen geboren und aufgewachsen

Bernadette La Hengst -
Musikerin und Künstlerin


Fussel – 30.04.2010

Interview mit dem Salzekurier



Bernadette, du bist in Bad Salzuflen aufgewachsen. Wann war das und welche Erinnerungen hast du noch von der Provinz?

Ich hab bis 1987 in Bad Salzuflen gewohnt, meine Eltern hatten ein Orthopädiegeschäft in der Innenstadt, und ich bezeichne mich immer eher als Kleinstadtmädchen als ein Mädchen vom Dorf, obwohl Bad S. ja auch viel Natur hat, hab ich als kleines Mädchen eher in der Stadt gespielt als auf dem Land. Und gerade in der Innenstadt, die Bernd Begemann (der ja auch als Bad S. kommt) mal in einem Lied sehr treffend beschrieben hat mit "die Fußgängerzone ist so sauber, man kann fast drin wohnen". Die Kurgäste haben das Stadtbild schon sehr geprägt, und auch mein tägliches Leben, denn sie kamen ja immer zu uns in den Laden, um sich für Kompressionsstrümpfe oder Einlagen Maß nehmen zu lassen. Habe viele verschrumpelte alte Füße gesehen in meinem jungen Leben...
Die äußere Fassade musste immer gewahrt bleiben, und dahinter lauerten die privaten Dramen.
In der Innenstadt kannte mich und meine Familie jeder, deshalb hatte ich immer das Gefühl, beobachtet zu sein, jede seltsame Verhaltensweise oder auffällige Kleidung wurden begutachtet und weiter erzählt. Glücklicherweise hatte ich ziemlich offene Eltern, die mich sehr in meinen künstlerischen Ambitionen unterstützt haben.
Ich bin schon früh getrampt, um in die Discos auf dem Land zu fahren, und das war z.B. in den Augen der Jungs in der Schule fast so schlimm wie auf den Strich zu gehen.
Auf der Schule gab es in meiner Jahrgangsstufe wenig Gleichgesinnte, die meisten Jungs waren in der Jungen Union, die Mädchen waren ziemlich brav oder hatten den Traum als Au Pair-Mädchen nach Paris zu gehen. In der Schule in Werl-Aspe gab es allerdings die Theater AG, in der ich mitgespielt habe seitdem ich 13 war, das war der einzige Grund für mich, auf der Schule zu bleiben...
Deshalb hab ich mir früh ältere Freunde gesucht oder Freundinnen auf anderen Schulen. Im Forum Enger, wo ich zwischen 1985 und 1987 jeden Sonntag und jeden Mittwoch war (außer ich war krank), gab es eine seltsame Welt zu entdecken, für Punk war ich zu spät geboren, aber New Wave und alles was danach kam: Postpunk, Britpop, HipHop und Hardcore entdeckte ich dort. Da lernte ich auch die Musiker von dem Label Fast Weltweit kennen, das sich Mitte der 80er um das Tonstudio Klangforschung von Frank Werner in Bad S. gegündet hatte. Bernd Begemann (der zu der Zeit schon in Hamburg wohnte), Michael Girke und Achim Knorr aus Herford, Andreas Henning von den Time Twisters aus Bielefeld, Frank Spilker (die Sterne), mit dem ich Theater spielte aus Bad S. und Jochen Distelmeyer (Blumfeld) aus Brake/Bielefeld.
Die Jungs waren meine Rettung in der öden Provinz. Ich fing an, eigene Lieder zu schreiben und sie bei Frank Werner aufzunehmen, wir brachten Kassettensampler und Singles raus, und später ist aus Teilen von Fast Weltweit ja dann die sogenannte Hamburger Schule geworden... (-> www.fastweltweit.de)

Mit 20 bist du nach Hamburg gegangen. Hast du das jemals bereut?

Ich bin mit 19 nach Berlin gegangen, weil alle anderen von Fast Weltweit nach Hamburg gezogen sind. Ich wollte meine eigene Stadt entdecken, außerdem war ich großer Rio Reiser/Ton Steine Scherben Fan, und der kam ja nun mal aus Berlin. Ich wollte zu der Zeit noch Schauspielerin werden, spielte in Berlin in einer freien Theatergruppe und hatte mich ein paar Mal an verschiedenen staatlichen Schauspielschulen beworben, mittlerweile bin ich froh darüber, dass es nicht geklappt hat, sonst hätte ich all die anderen aufregenden Sachen nicht erlebt. Theater hat mit Rockn Roll nichts zu tun.

Nach 2 Jahren merkte ich, dass die Stadt mir zu gross ist, und dass ich doch lieber meine eigenen Texte schreibe, anstatt mich von Regisseuren inszenieren zu lassen, also ging ich nach Hamburg, um dort eine Mädchenband zu gründen, was ich ja dann auch gemacht habe. 1990 gründete ich in Hamburg "Die Braut haut ins Auge" und die Mobylettes. Nach Bad S. zurück zu gehen, wäre mir niemals in den Sinn gekommen, auch wenn mein Vater mir ein paar Mal angeboten hat, bei Geldsorgen doch im Orthopädieladen zu arbeiten... Oh Gott, was für ne Alternative...

"Die Braut haut ins Auge" habe ich live hier in Bad Salzuflen im JZ Schuseil erlebt. Warum ist diese Girly Combo gestorben?

Ja, wir haben zweimal in Bad S. gespielt, meine Freundinnen von der Braut wollten das unbedingt sehen, dieses Dorf am Ende der Welt mit dem unaussprechlichen Namen (unsere erste Bassistin, eine Französin sagte immer "Bad Lustlufflen".) Bei einem Konzert im Schlossplatz Schötmar hat tatsächlich jemand aus dem Publikum "ausziehen" gerufen. Ich hab mich vor meinen Freundinnen sehr geschämt für diesen zurück gebliebenen Trottel. Aber ansonsten waren die Konzerte ganz ok, nicht der Triumphzug über den Marktplatz, aber das kommt vielleicht noch...
Es gibt ein Video aus einem Konzert in St. Petersburg 1996. ( -> www.youtube.com)
Nach 10 Jahren und vier Alben haben wir uns aufgelöst, weil jede was anderes machen wollte. Wir waren in den 90ern ja fast die einzige ernstzunehmende Mädchenband Deutschlands (außer den Lassie Singers aus Berlin), und es war teilweise ein harter Kampf um Respekt und Erfolg, aber wir haben uns einen eigenen Platz und eine eigene Sprache geschaffen, wovon ich jetzt noch profitiere - künstlerisch und menschlich.

Über einige deiner Aufnahmen und Projekte wurde in der Tageszeitung „Junge Welt“ berichtet, worum ging es da?

Ich weiß nicht genau, welche Artikel du meinst, ich selbst hab eine zeitlang für die Junge Welt geschrieben, teilweise Kurzgeschichten, teilweise Musikkritiken. Die Kulturredaktion mag mich ganz gerne, deshalb gab es bisher immer gute Kritiken über meine Sachen.

Wo stehst du politisch und inwieweit geht das in deine Musik ein?

Das politische Weltgeschehen sowie Kunst, Musikgeschichte, Feminismus und private Biografie verschmelzen in meiner Arbeit miteinander, das kann ich kaum auseinanderhalten. Ich stehe politisch außerhalb des Mainstream, aber ich bin kein Parteimitglied und möchte auch keins werden, weder von der Der Linken noch von den Grünen oder sonst wem. Mein alter Freund Knarf Rellöm hat es schön auf den Punkt gebracht: Wir gehören zur außerplanetarischen Opposition.
Als Künstlerin bin ich freier in meiner Mitgestaltung und Kritik an dieser Gesellschaft als Politiker, und das ist mir sehr wichtig.
Ich habe z.B. mit meinem Agit Prop Kollektiv "Schwabinggrad Ballett" zwischen 2000 und 2004 oft auf No Border Camps oder auf Demonstrationen gespielt, um entweder als Kunstgruppe getarnt das Demoverbot zu umgehen oder auch um Verwirrung in den eigenen Reihen zu stiften...

Gibt es deiner Meinung nach eine "linke Musikkultur"?

Ja, natürlich gibt es das, aber es gibt nicht so viele Musiker, die sich als Linke bezeichnen, das ist den meisten zu dogmatisch. Kann ich auch verstehen, aber ich finde es schon wichtig, dass man sich abgrenzt von dem neuen Konservatismus in der Popkultur. Wenn eine Band wie Silbermond ein Video dreht mit Bildern von einer Demonstration, um ein authentisches Pathos in ein Lied zu transportieren, in dem sie die Sicherheitspolitik von unserem Ex-Innenminister Schäuble in ein Liebeslied überführt, dann geht mir das zu weit. Ist ein irres Phänomen, dieses Video...
Ich spiele ja oft in linken Zusammenhängen, und da begegnet man immer wieder den selben Bands, die sich auch in solche Zusammenhänge stellen. Beim letzten Festival für Musik & Politik, wo ich gespielt habe, war es dann ganz überraschend, doch ziemlich verschiedene Musiker zu treffen, die sich zwischen HipHop, Swing und deutschsprachiger Popmusik bewegen. Gerade die Linke braucht ganz viel Innovationen, neue Ideen, Utopien und Widersprüchlichkeiten und darf sich auch in der Kunst nicht verlassen auf alte Parolen und bewährte Stilmittel. Da muss Luft dran.

Welche Projekte hast du in letzter Zeit durchgeführt?

Ich mache seit ein paar Jahren verstärkt Theaterprojekte, man könnte frei nach Beuys sagen "soziale Plastiken", denn ich arbeite oft mit sozialen Randgruppen, mit Laien aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. Dabei geht es mir in erster Linie um Selbstermächtigung. Für mich sind die Projekte experimentelle Forschungen an der Gesellschaft. Z.B. habe ich 2009 im Theater Freiburg eine Bettleroper gemacht, für die ich einen Bettlerchor aus Menschen mit Armuts-, Bettel- und Obdachlosen-Erfahrung gegründet habe. Sie haben mit Schauspielern und mir als Musikerin das Stück zusammen entwickelt.
( -> www.youtube.com) )
Außerdem habe ich 2009 bei einer Oper (Eichbaumoper) auf einer U-Bahn Station im Ruhrgebiet als Librettistin und Sängerin gearbeitet. Auch da ging es darum, den Ort zu erforschen und mit Anwohnern ihre Geschichte zu beschreiben und dadurch der verloren geglaubten U-Bahn Station eine Perspektive zu geben.
Außerdem hab ich noch ein Hörspiel und Theaterstück in Berlin gemacht mit dem Titel "Der Innere Innenminister", wo es um den ehemaligen Innenminister Schäuble geht, der eine neue Überwachungstechnik in meinem Kopf ausprobiert.
( -> www.youtube.com)

Anfang 2009 hab ich fürs Thalia Theater Hamburg ein Projekt mit Jungs im Jugendknast Hahnöfersand gemacht, was ich sehr inspirierend fand, leider kann ich dazu keine Videos auf youtube stellen, obwohl wir mit den Jungs zwischen 18 und 22 ganz tolle Videos gedreht haben...
Zur Zeit arbeite ich mit Mädchen zwischen 13 und 17 in Essen Katernberg an einem Mädchenbandprojekt. Das ganze ist eingebunden in ein Projekt namens "Next generation"
( -> www.next-generation-2010.de/maedchenband/),
was zur Kulturhauptstadt Ruhr 2010 gehört.
Wir schreiben zusammen Lieder, und es wird im Sommer ein paar Konzerte von ihnen geben. Das macht Spaß, und ist das was ich eigentlich immer schon machen wollte, dazu ist es noch gut bezahlt, also was will man mehr?

Dein neues Bandprojekt heißt "Die Zukunft". Kannst du das einmal kurz vorstellen?

Das würde ich nicht als Projekt bezeichnen. Früher haben wir Leute gehasst, die von ihren Bands als Projekte geredet haben, das waren die schlimmen amtlichen Mainstream Poprocker...
Also, wir sind eine Band aus 3 verschiedenen Frontschweinen: Bernadette La Hengst, Knarf Rellöm, mit dem ich schon bei Huah und den Mobylettes in Hamburg zusammen gespielt habe und GUZ (der Sänger der fantastischen Schweizer Aeronauten).
Wir drei sind uns vom Prinzip nicht unähnlich, sind alle drei fanatische Bühnenentertainer und stoisch seit 20 Jahren dabei, die die-Musik-Szene mit neuen Alben vollzuscheißen...
Und da hat sich unser Vinyl Label Ritchie Records aus Freiburg ausgedacht, wir müssen zusammen eine Platte aufnehmen. Super Idee! Und dann haben wir das gemacht. 1 1/2 Jahre ab und zu getroffen, in Freiburg aufgenommen und endlich wars dann fertig. Ganz großer Pop. Natürlich ist der Name Programm, und wers nicht glaubt, soll die Platte kaufen, die heißt "Sisters & Brother". ( -> www.myspace.com/lazukunft)
Meine Myspace Seite ist ( -> www.myspace.com/lahengst)
Danke, viel Vergnügen bei allem, es grüßt von Zukunft ins Heute.

Vielen Dank für das Interview

Das Gespräch führte Fussel.




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