Berichte / Veranstaltungen


Der Kommunist Georg Fülberth über das Ereignis
in seinem akademischen und politischen Leben,
über das er sich am meisten gefreut hat:

"Ich musste mich nicht verbiegen"

KS 12.03.2010

Salzekurier-Interview mit dem Marburger Politik-Professor


Auf Einladung des Marxistischen Forums Lippe nahm der Marburger Professor Georg Fülberth am 10.03.2010 an einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung zu dem Thema "Krisen des Kapitalismus, Wem nützen sie – wem schaden sie?" in der Schlosswache in Detmold teil.
Die Verstaltung war mit etwa 60 Teilnehmern gut besucht.
Im Vorfeld hatte er dem Salzekurier einige Fragen per email beantwortet.

"Geld regiert die Welt", wird gesagt. Stimmt das?

Ja.

Im Französischen bedeutet "la crise" "Wendepunkt, entscheidende, schwierige Situation oder Klemme". Befindet sich das System Kapitalismus an einem Wendepunkt oder in der Klemme?

Es findet mal wieder eine Transformation statt. Auf längere Sicht wird die Spekulation wohl ein wenig eingedämmt. Eine Prise „Green New Deal“ kommt dazu. Dafür wird der Druck auf Löhne und Beschäftigung weiter zunehmen, und der Staat wird noch mehr ausgeschlachtet.

Wem nützt die derzeitige Krise?

Den Unternehmern.

Wem schadet die derzeitige Krise?

Den Lohn- und Gehaltsabhängigen und den Arbeitslosen.

Kann der Kreislauf "Kapitalismus – Krise – Krieg" unterbrochen werden?

Krise und Boom sind zwei Seiten derselben Sache: des Kapitalismus. Man kann das Eine ohne das Andere nicht haben. Die Weltwirtschaftskrise von 1873 bereitete den Weltkrieg 1914-1918 vor, die Weltwirtschaftskrise von 1929 den Zweiten Weltkrieg. Die Weltwirtschaftskrise von 1975 führte nicht in einen Dritten Weltkrieg, aber bald danach wurden so genannte „Kleine Kriege“ wieder möglich. So könnte es auch jetzt sein.

Du hast mit Frank Deppe, Jürgen Harrer und anderen 1977 den Sammelband "Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung" herausgegeben. Das letzte Kapitel ist überschrieben mit "Aktuelle Probleme der Gewerkschaftsbewegung (1966-1976)". Sind die Gewerkschaften noch eine Bewegung?

Sie waren seit 1918 immer zugleich Bewegung und Institution.

Welche aktuellen Probleme haben die Gewerkschaften aus deiner Sicht heute?

Die ständige Massenarbeitslosigkeit bedroht ihre Aktionsmöglichkeiten.

Den Kommunen geht das Geld aus, ist überall zu lesen. Du bist Fraktionsvorsitzender der "Marburger Linken" in der Marburger Stadtverordnetenversammlung. Hast Du noch Hoffnung für die Kommunen? Könnte es irgendwann wieder aufwärts gehen? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?

Ein Weg wäre ein Schuldenmoratorium, wie es Castro in den achtziger Jahren für die Entwicklungsländer gefordert hat. Langfristig muss das Steuersystem der BRD geändert werden: Scharfe Progression der Einkommensteuer, Wiedereinführung der Vermögensteuer, eine tatsächliche Erbschaftssteuer und ein höherer Anteil der Gemeinden an diesen Steuern.

Du bist Jahrgang 1939. Was war die größte Enttäuschung in Deinem akademischen und politischen Leben?

Es gab keine Enttäuschungen. Der Kapitalismus war genau so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte.

Über welches Ereignis in Deinem akademischen und politischen Leben hast Du Dich am meisten gefreut?

Dass ich es hinter mich bringen konnte, ohne mich verbiegen zu müssen.

Vielen Dank für das Interview!

Das Gespräch führte Karlheinz Seiler.

Fülberths letzte Veröffentlichungen

Zusammen mit Frank Deppe und Jürgen Harrer gab Georg Fülberth 1978 das Buch „Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung“ heraus. Zuletzt erschienen von ihm: "Finis Germaniae: deutsche Geschichte seit 1945" (2007), "Doch wenn sich die Dinge ändern - Die Linke" (2008) oder zum Beispiel das Standardwerk "G Strich – Kleine Geschichte des Kapitalismus".

Die neueste Veröffentlichung: "Kapital und Kommunen. Mit angeblichen Sachzwängen werden Ausgabenkürzungen und die betriebswirtschaftlichen Zurichtung bundesdeutscher Stadt- und Gemeindeverwaltungen begründet. Deren Finanzmisere hat allerdings systematische Ursachen. Die machen Gegenwehr erforderlich." Siehe den Artikel in der Tageszeitung junge Welt vom 27./ 28. Februar 2010: (-> Zum Artikel)

Von Georg Fülberth erscheinen Anfang März im Papyrossa-Verlag in der Reihe Basiswissen Politik/Geschichte/Gesellschaft/Ökonomie die Bücher "Kapitalismus" und "Sozialismus" zum Preis von 9,90 Euro je Band.

Prof. Dr. Georg Fülberth war von 1972 bis 2004 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Marburg. Er publiziert regelmäßig in der Zeitschrift "Konkret", in »Freitag«, »junge Welt« sowie anderen Zeitungen und Zeitschriften. Seit 1974 ist er Mitglied der DKP. Für die "Marburger Linke" wurde er als Stadtverordneter in den Rat der Stadt Marburg gewählt und ist seit dem 09.02.2009 deren Fraktionsvorsitzender.

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