Berichte / Neonazismus


Von Steinheims Bürgermeister Joachim Franzke empfangen

 "Freie Kameradschaft Höxter"
und "Westfalen-Nord"


Kulturinitiative Detmold - 03.03.2010

Zur Geschichte, Struktur und Vernetzung


Die "Freie Kameradschaft Höxter" bezeichnet sich selbst als "Nationale Sozialisten", bei näherer Betrachtung ihrer Propaganda und durchgeführter Aktionen wird schnell klar, das hier nur aus juristischen Gründen nicht die Bezeichnung "Nationalsozialisten" gewählt wurde. Die Kameradschaft ist eine parteiunabhängige, neonazistische Gruppe mit einem hohen Aktions- und Gewaltpotential. Zu ihren Aktionen gehört die Teilnahme an regionalen und überregionalen Demonstrationen, das Verteilen von Flugblättern und "Heldengedenken", aber auch das Organisieren einer rechten Lebenswelt in Form von Konzerten und Treffen.

Mit dem Selbstverständnis "Kein Vorsitzender, kein Gremium und kein Parteiprogramm können mir vorschreiben, was ich darf und was nicht. Ich alleine bin verantwortlich für mein politisches Wollen, das immer nur dem einen Grundsatz verpflichtet ist:
WAS MEINEM VOLK NUTZT IST RECHT !", legitimiert die Gruppierung ihr Handeln. Der aktive Kern der Gruppe besteht derzeit aus 25 bis 30 Personen - mit steigender Tendenz. Für kurzfristige Mobilisierungen kann die Kameradschaft - laut wechselnden Angaben der Polizei - zudem auf rund 50 bis 100 Aktivisten zurückgreifen.

Die „Mitglieder“ der Kameradschaft sind 17 bis 26 Jahre alt und wohnen und leben nicht nur in Höxter, Brakel, Steinheim, Hameln, Holzminden, Lügde und Paderborn, sondern auch in ländlichen Gemeinden wie zum Beispiel Bergheim oder Lichtenau. Der kontinuierliche Betrieb einer eigenen Internetseite und die regelmäßige Durchführung von Aktionen belegen die inzwischen gefestigte Struktur der Gruppe.

Geschichte, Struktur und Vernetzung
Der Kern der derzeit aktiven Kader der FK Höxter agiert seit 2007 unter wechselnden Selbstbezeichnungen, so als "Sturm Höxter" oder "Autonome Nationalisten Höxter / Paderborn", seit Anfang 2009 tritt sie unter ihrem jetzigen Namen auf. Seit ihrer Gründung ist die Gruppe in das Spektrum der so genannten "Freien Kameradschaften" eingebunden, einem Netzwerk neonazistischer Gruppen in ganz Deutschland. Die Teilnahme der Kameradschaft an zahlreichen Aufmärschen wie zum Beispiel in Dresden, Magdeburg, Hamburg oder Hannover ist belegt und dokumentiert. Ihre enge Verzahnung mit der extrem gewaltbereiten "Nationalen Offensive Schaumburg" (NOS) führte nach deren "Selbstauflösung" wegen einer Verbotsprüfung durch das niedersächsische Innenministerium im Juni 2007 vorübergehend zu dem gemeinsamen Projekt "Nationale Sozialisten Schaumburg / OWL", die in Ostwestfalen-Lippe auch Kameradschaften aus anderen Kreisen und Kommunen wie zum Beispiel Gütersloh, Bad Salzuflen, Oerlinghausen oder Detmold mit einbezog.

Die "Freie Kameradschaft Höxter" hat enge Beziehungen zur NOS, deren Führungskader, die bundesweit vor allem durch einen Fernsehbeitrag in "Monitor" im Juni 2007 bekannt wurden, verbüßen jedoch aktuell, unter anderem wegen schwerer Gewalttaten, langjährige Haftstrafen oder unterlägen der Bewährungsaufsicht. Neben dem Kameradschaftsführer Marcus Winter, unter anderem wegen der Entführung und Misshandlung eines jungen Antifaschisten im April 2002 zu einer Haftstrafe verurteilt, erlangte hierbei vor allem der zur Zeit in Bielefeld-Brackwede inhaftierte Marco Siedbürger, der im August 1999 an einem Überfall auf den 44-jährigen Peter Deutschmann aus Eschede beteiligt war, traurige Berühmtheit: Die Angreifer hatten brutal auf ihr Opfer eingeschlagen, als dieser sich wiederholt über laute Neonazi-Musik beschwerte. Peter Deutschmann wurde durch die Attacke so schwer verletzt das er nach einem mehrstündigem Todeskampf "jämmerlich gestorben" ist, wie die zuständige Staatsanwältin in dem späteren Prozess zu Protokoll gab.

Die Kader der Kameradschaft haben zum Teil die Funktion der inhaftierten NOS-Kader übernommen. Die Anerkennung und Bedeutung in der überregionalen "Szene" ist inzwischen unübersehbar, spätestens seitdem die Kameradschaft im Januar 2010 in Bergheim Gastgeber - mit 120 Teilnehmern - des ersten bundesweiten Vorbereitungstreffens für den diesjährigen neonazistischen "Trauermarsch" in Bad Nenndorf am 14. August war, an dessen Planung sie federführend beteiligt sei.

Inzwischen stellten die Kader der Kameradschaft auch einen wichtigen Teil der Organisatoren der "Dachorganisation" der regionalen neonazistischen Gruppen unter der Bezeichnung "Westfalen Nord". Dessen Internetseite ist mit Grafiken aus dem Nationalsozialismus gestaltet. "Unser Ziel ist die Freiheit unseres Reiches und ein Reich der sozialen Gerechtigkeit in einer kommenden, glücklichen Zukunft" lautet die auf der Seite veröffentlichte zentrale Forderung. Hierbei handelt es sich um ein Zitat des "Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda" Joseph Goebbels. Das es sich bei "Westfalen Nord", dessen Name sich auf die regionale Struktur der NSDAP, den "Gau Westfalen-Nord" bezieht, nicht um einen lockeren Haufen oder um "Potemkinsche Dörfer", sondern um eine Struktur handelt, belegt zum Beispiel dieses Zitat: "Dem geselligen Abend ging ein arbeitsreiches Autorentreffen voran. Unter anderem wurde die Schriftleitung neu besetzt."

Lokaler Akteur "Freie Kameradschaft" Höxter
Regelmäßig verteilten die Aktivisten der Kameradschaft Flugblätter, vor allem um gegen Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund zu hetzen. Immer wieder berichteten sie auf ihrer Internetseite auch von körperlichen Auseinandersetzungen, stellen sich dabei selbstverständlich immer als Opfer dar. Für die Szene organisierten die Mitglieder der Kameradschaft auch mehrere Konzerte und Liederabende, so im September 2008, im Oktober 2009 und Januar 2010 bei Höxter und im Februar 2009 in Augustdorf, deren Gewinn für die Unterstützung inhaftierter Neonazis oder politische Aktionen verwendet wurde. Einzelne Aktivisten der Kameradschaft betreiben auch einen schwunghaften Handel mit Rechtsrock-CDs.

Höhepunkt der lokalen Aktivitäten sind jedoch Zusammentreffen mit Steinheims Bürgermeister Joachim Franzke. Dieser traf sich mindestens zwei mal mit Vertretern der Kameradschaft. Diese präsentierten ihm dabei ihr politischen Forderungen. Franzke wertete die "Freie Kameradschaft Höxter" damit zu einem diskussionswürdigen politischen Akteur auf.

Die Kameradschaft wird seit 2008 beziehungsweise 2009 vom Nordrhein-Westfälischen Verfassungsschutz, dem Polizeilichen Staatsschutz Ostwestfalen-Lippe (Regierungsbezirk Detmold) und vom Fachkommissariat Staatsschutz der Polizeiinspektion Nienburg / Schaumburg beobachtet.

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