Berichte / Bad Salzuflens "Vergangenheitsbewältigung"


Statt Hinweistafeln an jüdischen Häusern:
Stolpersteine im Asphalt

Rückblick auf die
"Vergangenheitsbewältigung"
in Bad Salzuflen

Antifaschisten in OWL - 25.12.2009

Die Uhren laufen rückwärts


Nach dem Faschismus kein politischer Neuanfang
Es gibt eine Menge Leute, die meinen, in Bad Salzuflen habe es 1945 nie so etwas wie eine Stunde Null gegeben. Eine Abrechnung mit dem faschistischen System und den Bad Salzufler Nazis fand nämlich nicht statt. Fast alle damaligen NS-Größen in Politik und Wirtschaft und ihre willfährigen Mitläufer konnten nach Kriegsende ihre Karriere fortsetzen.

Die Stätten der damaligen Verbrechen wurden buchstäblich zubetoniert: Das Grundstück, auf dem früher die von Bad Salzufler Nazis zerstörte jüdische Synagoge gestanden hatte, machte die Stadt zu einem Parkplatz. Den jüdischen Friedhof nutzte ein Bauunternehmer für die Lagerung seiner Geräte.

Eine Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit begann erst 1981, als die Deutsche Kommunistische Partei DKP diesen Skandal aufdeckte und Gedenksteine forderte.

Der Bad Salzufler Ratschlag
In der Folge gründete sich der "Bad Salzufler Ratschlag gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit", ein offenes Forum, in dem alle Parteien, Kirchen, Vereine und Verbände mitarbeiten können.
Vom Ratschlag gingen damals außerordentlich wichtige Initiativen aus, zum Beispiel wurde eine Patenschaft mit der Jugendbegegnungsstätte Auschwitz vereinbart. Bis heute ist der Ratschlag Mitorganisator der jährlichen Gedenkveranstaltungen, v.a. von der lippischen Landeskirche gehen Initiativen für viele Projekte im Hinblick auf die Erinnerung an den Faschismus aus.

So vorbildlich diese Arbeit in diesem Bereich auch sein mag, in einer anderen Hinsicht konnte der Ratschlag seinen Anspruch nicht erfüllen. Die demokratische Öffentlichkeit in Bad Salzuflen insgesamt versagte völlig:
Aktuelle rechtsradikale Entwicklungen werden gar nicht zur Kenntnis genommen. Wo in anderen Städten Mahnwachen und Demonstrationen stattfinden würden, nimmt man noch nicht einmal öffentlich Stellung!

Ehrung eines Kriegsverbrechers
- Über Jahre hinweg betrieb die örtliche "Fallschirmjägerkameradschaft Generaloberst Student" unbehelligt von Justiz, Stadt und demokratischer Öffentlichkeit eine offene und ungenierte Verherrlichung des verurteilten NS-Kriegsverbrechers, der auf dem Obernbergfriedhof begraben ist.

Der Umgang mit Biermann
- Jahrelang wurde der Rechtspopulist F.W.Biermann von allen Parteien außer den Grünen politisch hofiert.

Das Tätowierstudio
- Antifaschistische Gruppen in OWL gehen davon aus, dass ein Bad Salzufler Tätowierstudio als wichtiger Treffpunkt militanter Neonazis in der Region dient. Intensive Kontakte sollen zu der offen neonazistischen Band "Sleipnir" bestehen.

Die gescheiterte Umbenennung der Otto-Künne-Promenade
- Im April 2008 lehnte der Hauptausschuss die Umbenennung der "Otto-Künne-Promenade" ab, die nach dem ehemaligen Generalbevollmächtigten der Hoffmanns-Stärke benannt wurde. Dieser war nach Einschätzung des Stadtarchivars Franz Meyer ein "willfähriger und engagierter Diener des NS-Staates". Er hatte seinen Angestellten verboten, bei Jüdinnen und Juden zu kaufen, weil Hoffmans-Stärke sonst in einen "schlechten Ruf" gekommen wären. Seine Reden und Lobpreisungen an der "Führer" sind archiviert und öffentlich zugänglich.
Die "Vorbildlichkeit" seinesVerhaltens machte Künne noch einmal 1960 deutlich, als er sich weigerte den Aktionären von Hoffmanns Stärke die Höhe der Bezüge der Vorstandsmitglieder offen zu legen.
Der Rechtsstreit ging damals bis zum Bundesgerichtshof.

Das Video der "Terrorcrew"
- "Terrorcrew OWL Bad Salzuflen 28" lautete der Titel eines Videoclips, das im April 2008 kurzfristig unter Youtube veröffentlicht wurde. Bekannte Kader waren dort unter anderem mit SS-Totenkopf, Hakenkreuz und Hitlergruß zu erkennen. Es spricht vieles dafür, dass die Aufnahmen teilweise in der Disko "Alpenmax" in Schötmar gemacht wurden. Damit wäre der "Terrorcrew" das Besetzen eines öffentlichen Raumes gelungen.
Es gab keinen Protest von irgendeiner Seite. Die Duldung neonazistischer Symbolik blieb ohne jegliche - übrigens auch ohne strafrechtliche - Konsequenzen.

Die rechtsradikalen Übergriffe in Retzen
- Im September 2008 kam es in Retzen zu schlimmen rechtsradikalen Übergriffen auf Familien mit Migrationshintergrund. Nächtliche "Ausländer raus!"-Rufe, Urinieren und das Hantieren an Fensterscheiben versetzten diese Menschen und v.a. deren Kinder in Todesangst.
Öffentliche Solidarität erfuhren die Betroffene nicht, schlimmer noch: die Bad Salzufer Polizei schien wenig Interesse an der Aufklärung zu haben. Nur mit Schwierigkeiten konnten die Betroffenen Anzeige erstatten.

Stolpersteine für Bad Salzuflen?
Seit dem September 2009 scheinen die Bad Salzufler "Vergangenheitsbewältigungs-Uhren" endgültig zurückzulaufen:
Vom Ratschlag war die Initiative ausgegangen, in Bad Salzuflen sogenannte "Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig zu verlegen. Auf einem solchen Metallstein ist der Namen eines damals von den Faschisten ermordeten Menschen eingemeißelt.

Am 24.9.2009 fand zu diesem Thema eine Diskussionsveranstaltung in der gelben Schule statt, in deren Verlauf der Stadtarchivar Franz Meyer zu einer Stellungnahme im Hinblick auf die noch bestehende Straßenbenennung nach Otto Künne befragt wurde. Ein solcher Straßennamen würde ja wohl nicht zu den Stolpersteinen passen.
Franz Meyers Antwort: "Kein Kommentar".
Schwer zu glauben, dass er sich diesen Maulkorb selber umgehängt hat.

Hausbesitzer lehnen Gedenktafeln ab
Aber es kam noch dicker:
Der Ratschlag hatte eigentlich gar nicht vorgehabt, Stolpersteine verlegen zu lassen. Stattdessen sollten Gedenktafeln an den ehemaligen jüdischen Häusern installiert werden. Es hatte sich aber herausgestellt, dass die Mehrheit der jetzigen Besitzer der Häuser solche Tafeln abgelehnt hatte.
Nun mag es viele Gründe geben, eine solche Tafel an seinem Haus abzulehnen, für ein antifaschistisches Bewusstsein spricht das jedenfalls nicht.

Die Stadt will selber keine Gedenktafel!
Den größten Skandal trat dabei aber die Stadt selber los: Sie hatte es nämlich auch abgelehnt, an dem früheren Obermeyerschen Haus eine Tafel anzubringen.
Siegfried Obermeyer und seine Frau Amalia starben 1942 bzw. 1944 im Ghetto von Lodz. Vor ihrer Flucht 1940 verkauften die jüdischen Kaufleute ihr Haus an die Stadt, die ihre Notlage ausnutzte und einen viel zu geringen Preis zahlte. Außerdem wurde das Geld auf ein Sperrkonto eingezahlt, so dass die Obermeyers nicht darüber verfügen konnten.

Heute befindet sich hier das Stadt- und Bädermuseum, vor dessen Eingang geradezu symbolisch die riesige Katze der Hoffmanns Stärke Fabrik aufgestellt ist.

Auf der Veranstaltung im September zu den Stolpersteinen wurde die Anbringung einer Erinnerungstafel am Haus mit dem Argument abgelehnt, dass im Museum selber eine kleine Ausstellung zu den Obermeyers sei.
Für denjenigen, der an diese Verbrechen im Namen Bad Salzuflens erinnert werden soll, heißt das dann konkret:
- Er muss sich zu den Öffnungszeiten am Museum einfinden.
- Er muss 2 Euro Eintritt bezahlen.
- Er muss schon vorher Bescheid wissen.

Soll hier Erinnerung unterdrückt werden?

Der Ratschlag hat jetzt den Antrag für die Verlegung der Stolpersteine an den Stadtrat gestellt. Man darf gespannt sein, wer zustimmt und wer ablehnt.



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