Berichte / Varus-Schlacht 2009


2000 Jahre Varusschlacht

Hermannsschlachtplatte



Ja - April 2009

Ein satirischer Situationsbericht



Das große Jubel- und Grübeljahr zum zweitausendjährigen Jubiläum der Schlacht im Teutoburger Wald ist angebrochen.

Viele Archäologen und Historiker in der Region werden es ausgelassen feiern: Das Sylvesterfest 2009/2010. Dann ist das Gröbste überstanden. Es wird danach eine Frage der Zeit sein, dass man Attraktionen wie "Hau den Hermann" aus dem Verkehr zieht, dass niemand mehr eine "Germanenführung" bucht und dass sich die Zahl der "Cherusker-Imbisse" wieder auf ein verdauliches Maß verschlankt. Gegenwärtig steht uns aber noch das Härteste bevor. Denn vor noch nicht ganz 2000 Jahren - im Herbst des Jahres 9 nach Christus - vernichtete der Cherusker Arminius (Hermann) drei römische Legionen. Diese Tat wurde später aus unterschiedlichen Motivationen heraus zur Geburtsstunde Deutschlands stilisiert. Und dies, obwohl unser Hermann den Begriff "deutsch" als politische Bezeichnung noch nicht kennen konnte. Denn jene Bedeutung bekam das Wort erst neun Jahrhunderte später. Tiudo - der germanische Wortstamm von "deutsch" - bezeichnete zu Hermanns Zeiten wahrscheinlich die allgemeine, gewöhnliche Bevölkerung. Und das war etwas, mit der sich die römisch geprägte, germanische Noblesse, zu der sich Hermann zählte, auf keinen Fall identifizieren wollte. Anders formuliert: Hätte man damals zu Hermann gesagt, er wäre der erste Deutsche, hätte man von ihm vermutlich dafür eins aufs Maul bekommen.

Schleimspur des Zeitgeistes
Das hat aber noch niemanden gestört. Seit seiner Wiederentdeckung war das Thema Hermannschlacht vor allem eines: Politisch aufgeladen. Bereits der Reformator Melanchthon, dem der erste sinnvolle Lokalisierungsversuch der Schlacht zu verdanken ist, beschäftigte sich nicht ohne politische Hintergedanken mit dem Thema. Stand doch Rom für den verhassten Papst, der auch damals in Deutschland besiegt werden sollte.

Die Gegenreformation sah sich dagegen eher dem Regionalmarketing verpflichtet: Der Fürstbischof von Paderborn erkannte 1669, dass der traditionelle Mittelgebirgsname Osning für das Prestige seines Landes völlig unbrauchbar war. Osning klang wie Rhön, Eifel oder Spessart. Ohne überlieferte historische Skrupel belegte er deshalb das Bergland mit der Marke Teutoburger Wald. Dadurch wurde der Bischof in die direkte Folge des Befreiers Germaniens gestellt.

Richtig durchsetzen konnte sich die neue Marke jedoch bis weit in das 19. Jahrhundert hinein fast nur bei den Gebildeten, den stärksten ideologischen Wendehälsen der Zeit.

Nach dem Sieg über Frankreich 1870 wurde die Frühgeschichtsvergewaltigung dann bekanntlich zum nationalen Programm. Mit dem Hermannsdenkmal ging es gegen die Franzosen und bald darauf - nur noch teilweise offiziell - gegen die Juden. Heute noch stehen in dessen Zwickeln Sprüche, die jedem im Sinn unseres Grundgesetzes erzogenen Menschen die Schamesröte ins Gesicht steigen ließen, wenn er sie denn von unten lesen könnte.

Hitler kam 1926 das erste Mal ans Hermannsdenkmal und war natürlich ergriffen. In seiner Zeit beschränkte sich die politische Hermannspropaganda stark auf Nordwestdeutschland. Reichsweit war das Symbol eher ungeeignet, da nun in Rom mit Mussolini ein Freund regierte.

Dagegen setzen heutige Nazis seit Jahresbeginn im gesamten deutschsprachigen Raum auf das Thema. Geschickt und erwartungsgemäß hängen sie sich zwischen Bodensee und Osnabrück an den mit viel Steuergeldern ins Rollen gebrachten Jubiläumszug. Wie kann man gegen ein Bild ankämpfen, das durch Millionen Reichsmark für Rüstungspropaganda für zwei Weltkriege festzementiert wurde? Indem man den Mythos Freiheitskrieg durch den Mythos Kampf gegen Unterdrückung ersetzt? Mit Che-Rusker T-Shirts (von denen die braunen auch recht gut laufen sollen)?

Hermann ein Rastaman?
Man kann sich Hermann genau so wenig als deutschen Haile Selassie vorstellen wie den lippischen Landrat mit Rastalocken. Wo ist der politische Sinn des Projektes? Soll vielleicht den Deutschen durch das Programm vor Augen geführt werden, dass ihre reaktionärsten Deppen nicht in der Ostlausitz sondern im Teutoburger Wald zu finden sind? Ausgerechnet für Detmold trifft dies - sieht man einmal von einigen Marketing-Exzessen ab - am wenigsten zu. Die Mythos-Ausstellung behandelt die Ideologiegeschichte ohne auf trockeneisschwangere Kriegsevents zurückzugreifen. Man bietet dem Besucher sozusagen Hermannsschlachtplatte ohne Blutwurst. Und das schmeckt dem Freund der deftigen historischen Kost glücklicherweise nicht.



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