Berichte / Rechtsradikalismus


In Bad Salzuflen gestorben

Wer war die Dichterin Agnes Miegel?

T2 und KS - 01.02.2009

Im Faschismus hofiert


Mit Bad Salzuflen verbindet sie nicht viel, außer dass sie hier 1964 im Parksanatorium gestorben ist. Bad Salzuflen ist damit erspart geblieben, dass eine Straße oder Schule nach ihr benannt wurde, wie es Hunderte Städte in Deutschland taten. In Bad Nenndorf, wo sie nach dem Krieg gewohnt hatte, machte man sie sogar zur Ehrenbürgerin.

Wer war Agnes Miegel?
Auf der Webseite der „Agnes-Miegel-Gesellschaft“ wird behauptet, sie sei „eine der ganz großen Dichterinnen unseres Volkes“ gewesen. Im Jahre 1879 im damaligen Königsberg (heute Kaliningrad) in Ostpreußen geboren sei sie schon in frühster Jugend durch ihr literarisches Talent bekannt geworden. Sie habe bedeutende literarische Preise erhalten, wie den Schillerpreis, den Kleistpreis, den Herderpreis, die Ehrenbürgerdoktorwürde der Königsberger Universität und den Goethepreis.
Weil sie „nie ein politisch denkender Mensch“ gewesen sei, habe sie nicht erkannt „worum es dem NS-Regime tatsächlich ging“. Sie erlag „dem Bann Adolf Hitlers und seiner Propaganda“. (Siehe: www.agnes-miegel-gesellschaft.de)

Schaut man sich die Jahreszahlen ihrer Ehrungen ein wenig genauer an, dann ergibt sich ein anderes Bild:
In die Sektion Dichtung der Preußischen Akademie der Künste wurde sie 1933 aufgenommen. Also in dem Jahr, in dem Hitler die Macht übertragen und die faschistische Diktatur errichtet wurde. Die Werke von Bertolt Brecht, Stefan Zweig und vieler anderer Literaten wurden auf Scheiterhaufen verbrannt, die Autoren verfolgt und ins Ausland vertrieben.

Den Preis der Johann-Wolfgang-Goethe-Stiftung erhielt Agnes Miegel im Jahr 1936. Zur selben Zeit wurde bei dem Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky eine Lungentuberkulose festgestellt, die eine Folge der jahrelangen Folterungen in dem KZ Esterwegen war. Carl von Ossietzky starb im Jahr 1938 daran.
Bei Agnes Miegel heißt es in dem Gedicht: „Dem Führer“, das auch 1938 veröffentlicht wurde: „Laß in deine Hand, Führer! Uns vor aller Welt bekennen: Du und wir, nie mehr zu trennen, stehen ein für unser Vaterland!“ (Siehe: www.nrw.vvn-bda.de/texte/0372_schule.htm)

Die Ehrenbürgerschaft der Stadt Königsberg erhielt sie im Jahr 1939. Das war ein Jahr, nach dem in der Reichspogromnacht am 9.November 1938 die Nationalsozialisten die Zerstörung der jüdischen Synagogen organisiert hatten. Es war der Beginn der systematischen Verfolgung der Juden, die dann 1941 zum Holocaust führte.

Den Goethepreis der Stadt Frankfurt erhielt Agnes Miegel im Jahr 1940.
Ein Jahr zuvor hatte Hitler-Deutschland mit dem Überfall auf Polen am 1.September 1939 den 2.Weltkrieg begonnen.
Bei Agnes Miegel heißt es 1940 in einem Gedicht: "An den Führer Übermächtig füllt mich demütiger Dank, dass ich dieses erlebe, Dir noch dienen kann, dienend den Deutschen Mit der Gabe, die Gott mir verlieh! Daß die Meinen Die gefallnen, geliebten Gefährten der Kindheit, Daß die Toten, die Dein Kommen ersehnten, Daß die Ahnen, deren verlassene Heimat Wiederkehrt durch Dich, daß sie alle Mir in der Seele, mir im Blute noch lebend, Mit mir Dich segnen.... Doch dies wäre Höchste Erfüllung mir und Ehre der Ahnen: Heilige Fackel, nie mehr weitergereichte, Dir zu opfern!" (siehe: www.nrw.vvn-bda.de/texte/0372_schule.htm)

Andere Daten ihrer Biographie zwischen 1933 und 1945 finden sich auf der Webseite der Agnes–Miegel-Gesellschaft nicht.
Dort erfährt man zum Beispiel nicht, dass sie zu den 88 deutschen Schriftstellern gehörte, die am 26. Oktober 1933 das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterzeichneten. Wenige Wochen zuvor hatte die Regierung das Schriftleitergesetz erlassen, womit der Weg für die Gleichschaltung der gesamten deutschen Presse frei wurde. In der Folge verloren schätzungsweise 1300 Journalisten ihre Arbeit.

Man erfährt auf der Webseite der Agnes-Miegel-Gesellschaft auch nicht, dass sie 1939 das Ehrenzeichen der Hitlerjugend entgegennahm und 1940 Mitglied der NSDAP wurde. Als Hitler in der Endphase des 2.Weltkrieges 1943 den totalen Krieg ausrief, wurde sie in die „Gottbegnadeten-Liste“ aufgenommen. Sie war damit wie 1000 andere „Künstler“ in Deutschland vom aktiven Wehrmachts- und Arbeitsdienst ausgenommen, stand aber selbstverständlich im totalen Kriegseinsatz „vorbehaltlos einer umfassenden künstlerischen Betreuung zur Verfügung“ (siehe: de.wikipedia.org Stichwort: „Gottbegnadeten-Liste“).

Nach dem Krieg befand sie sich im Umkreis der extremen Rechten. Sie redete auf den Treffen der Landsmannschaft Ostpreußen und schrieb "Exklusivbeiträge" für die Zeitschrift "Nation Europa". In ihr veröffentlichten und veröffentlichen noch heute Autoren aus nahezu dem gesamten rechten Spektrum. Mitherausgeber war damals Adolf von Thadden, der spätere Vorsitzende der NPD. Nach Einschätzung des Landesamtes für Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen handelt es sich um eines der "wichtigsten" rechtsextremistischen Theorie- und Strategieorgane in der Bundesrepublik (siehe: de.wikipedia.org Stichwort: „Nation Europa“).

Auch nach ihrem Tod war sie für Rechtsradikale Anziehungspunkt. So veranstaltete z.B. das später verbotene „Collegium Humanum" in Vlotho ein Wochenendseminar mit dem Thema: „Ostpreußens Beitrag zur Kultur Europas - Schwerpunkt Agnes Miegel und Ordensstaat."

Trotzdem wurde sie in diesen Jahren mit Ehrungen nur so überhäuft. Ein Anzeichen dafür, dass in der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit revanchistisches Gedankengut gesellschaftlich tonangebend war. In vielen Städten Deutschlands wurden Straßen oder sogar Schulen nach Agnes Miegel oder anderen Wegbereiterinnen und Wegbereitern sowie Täterinnen und Tätern des Nationalsozialismus benannt. Dadurch wird die Rolle dieser Menschen und die Verantwortung, die auch sie für nationalsozialistische Ideologie und die dazugehörigen Verbrechen tragen, relativiert und verwischt. Dies ist auch Ausdruck dafür, dass es nach wie vor wenig Bereitschaft in der deutschen Bevölkerung gibt, sich wirklich und ernsthaft mit den Verbrechen des Nationalsozialismus, aber auch mit den Ursachen und Mechanismen, die dazu geführt haben, auseinanderzusetzen.

Noch 1979 gab die Deutsche Bundespost eine Briefmarke zu Agnes Miegels 100. Geburtstag heraus. Der Bundeskanzler hieß damals Helmut Schmidt und ist Sozialdemokrat.

Mittlerweile gibt es in vielen Städten Initiativen, die nach ihr benannten Straßen und Schulen umzubenennen. In Bielefeld-Sennestadt gibt es z.B. seit dem Februar 2008 keinen „Agnes-Miegel-Weg“ mehr. Die Demonstrationen in Bad Nenndorf konnten die dort stattfindenden „Agnes-Miegel-Tage“ nicht verhindern.


Quellen:
„Agnes Miegel“ (www.wikipedia.de)
„Agnes Miegel-Biographie“ (www.agnes-miegel-gesellschaft.de)
„Skandal, dass immer noch eine Schule in Düsseldorf nach Agnes Miegel benannt ist“
(www.nrw.vvn-bda.de)


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