Berichte / Militarismus


Der Protest weitet sich aus

Keine neuen Kampfdörfer und Panzerstraßen in der Senne!

T2 - 28.12.2008

Aktionsbündnis und Umweltverbände sammeln Unterschriften



Die Geschichte des Truppenübungsplatzes Senne reicht bis in das 19.Jahrhundert, als das Gelände für Manöverübungen der Kavallerie-Garnisionen diente.
Nach und nach wurde das militärische Gebiet im Laufe der Jahrzehnte erweitert. Während des Faschismus wurde 1938 das gesamte Dorf Haustenbeck aufgekauft und geräumt. Im Jahre 1941 errichteten die Nationalsozialisten am Nordwestrand in Stukenbrock-Senne das Kriegsgefangenenlager Stalag 326, wo etwa 65000 v.a. russische Kriegsgefangene starben.

Nach dem Sieg über den Faschismus übernahm 1945 die britische Armee den Truppenübungsplatz, seit 1956 nutzt die neu gegründete Bundeswehr das Gelände mit. Heute ist es 116 qkm groß, rechtlich steht es unter britischer Verwaltung, Eigentümer ist aber die Bundesrepublik. Die britischen Streitkräfte haben dort im Rahmen des Nato-Truppenstatuts 4000 Soldaten stationiert. Zerteilt wird das Gebiet durch die Gemeinde Augustdorf, wo sich die nach dem faschistischen General Rommel benannte Kaserne befindet.
Das dort stationierte Panzergrenadierbataillon 212 ist gerade aus Nord-Afghanistan zurückgekehrt, wo es für ein halbes Jahr den Kampfauftrag der "Quick Reaktion Force" des Nato-Einsatzes ISAF in Masar-e-Sharif übernahm.

Im Februar 2008 stellte die britische Rheinarmee einen Antrag an das Verteidigungsministerium, 39 km Sandpiste in betonierte Straßen für Panzer umzuwandeln und sechs neue Kampfdörfer zu errichten. Die Kosten belaufen sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag.

Der Bau solcher Kampfdörfer ist nichts neues: Um den Häuserkampf im Bürgerkrieg gegen die IRA in Nordirland zu trainieren, bauten die Briten schon 1965 ein solches Geisterdorf. Seine Existenz konnte jahrzehntelang geheim gehalten werden. Als dieser Skandal im Jahr 2000 aufgedeckt wurde, diente das Senne-Dorf aber inzwischen auch der deutschen Elite-Truppe "GSG 9" sowie Soldaten aus den USA, Holland, Belgien, England und Deutschland regelmäßig als Übungsgelände für Spezialeinsätze.
Im Zeitalter von "google earth" ist eine Geheimhaltung wie damals allerdings nicht mehr möglich.

Der Protest gegen den massiven Ausbau des Militärgeländes kommt von drei Seiten:

1. Einige der Anrainerkommunen Augustdorf, Detmold, Schlangen (Kreis Lippe), Bad Lippspringe, Paderborn, Hövelhof (Kreis Paderborn) und Schloß Holte-Stukenbrock (Kreis Gütersloh) befürchten eine Verstärkung der schon heute erheblichen Lärmbelastung. Bad Lippspringe ist als Kurstadt besonders betroffen. Auch könnten durch Munitionsrückstände Schwermetalle in den Boden gelangen, die das Grundwasser bedrohen.

2. Naturschutz- und Umweltverbände prognostizieren eine unwiederbringliche Zerstörung von Naturlandschaft.Die Senne ist von der EU als Fauna-Flora-Habitat Gebiet ausgezeichnet worden und darf in ihrem Erscheinungsbild nicht geändert werden. Um den Forderungen nach kommerziellen Nutzung des Senne-Gebietes entgegen zu treten, hatte der Förderverein Nationalpark Senne-Eggegebirge von dem Meinungsforschungsinstitut Emnid eine Umfrage durchführen lassen. Das Ergebnis: 86% der Menschen in den umliegenden Städten und Gemeinden stimmen dem Vorhaben zu, hier einen Nationalpark einzurichten.

3. Die Parteien Bünnis90/Die Grünen und auch die Linken stellen heraus, dass die Übungsdörfer für die Vorbereitung der Kriegseinsätze der britischen Armee in Afghanistan und im Irak dienen sollen. Die Linke Lippe betont, dass diese Kriege völkerrechtswidrig sind und auch das Training für die menschenverachtenden Kampfeinsätze von der deutschen Bevölkerung abgelehnt werde.

Allen drei Positionen ist gemeinsam, dass sich der Protest gegen die britische Armee richtet, so als ob das deutsche Verteidigungsministerium von dem Vorhaben der Engländer überrumpelt worden wäre und es sogar ablehnen würde.

Liest man die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen im Bundestag vom November 2008, dann kann man das bezweifeln. Dort heißt es:

- Falls eine der betroffenen Gemeinden dem Bauvorhaben widersprechen würde, dann entscheidet letztendlich das Verteidigungsministerium. Untersagen will es das Projekt aber nicht, denn "die Baumaßnahmen dienen unmittelbar der Landesverteidigung".

- Die Panzerbrigade 21 hat den Truppenübungsplatz zur Vorbereitung auf den Afghanistaneinsatz mit benutzt.
Eine solche Nutzung sei auch in Zukunft für deutsche Truppen vorgesehen. Mit anderen Worten: Die Bundeswehr wird selber in den neuen Anlagen trainieren.

- Ansonsten sehe man keine Probleme. Von Lärmbelastungen habe man auch schon gehört, deshalb werde jetzt ein Lärmgutachten erstellt, eine derzeitige Grundwasserverseuchung werde ordnungsgemäß saniert, Erkenntnisse über gesundheitliche Belastungen lägen nicht vor und außerdem werde Nachtschießen höchstens dreimal wöchentlich durchgeführt.

Schwer zu glauben, dass Verteidigungsminister Jung nicht von vornherein an der Planung beteiligt war.

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Unterschriftenlisten gegen die Senne-Kampfdörfer von "pro grün Paderborn" können hier heruntergeladen bzw. ausgedruckt werden:
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Der Aufruf des Aktionsbündnisses und der Umweltverbände ist hier zu lesen:
-> Zum Aufruf

Zur Webseite "Keine neuen Kampfdörfer" geht es hier:
-> Zur Webseite

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