Literatur / Ausländerfeindlichkeit


Literatur im Salzekurier

Die nicht Entnazifizierte

Elifa Krijestorac - 08.11.2008

Erlebnisse einer Migrantin


... Die Dame blieb vor der Bank stehen und versuchte, in die Fenster der Bankräume zu schauen. Wegen der starken Spiegelungsgläser waren die Räume aber nicht einsehbar. Sie tastete mit ihrer Handoberfläche auf ihre Jackentasche.

"Hab kein Angst!", sagte ich spöttisch, aber wortlos. "Die da drin klauen ohne ihre Hände zu benutzen!"

Ich wollte gerade vorbei laufen, als mich ein Blick auf ihre Hände innehalten ließ.

Ein Mensch kann alte Lumpenkleider tragen , vorausgesetzt , sie sind gewaschen und sauber, und er braucht sich deshalb nicht zu schämen. Aber ekelerregend ist es, wenn man mit dreckigen Fingernägeln die Zähne säubert. Und genau das tat die Dame .

In dem Moment fiel mir das Immobilienangebot im Schaufenster der Bank auf, das ich vorher übersehen hatte, und das die Dame ebenso anschaute. Ich blickte also auch auf die zahlreichen Häuser, die angeboten wurden.

Da lenkte die Dame ihren Blick auf mich und fing an, mich genauer zu betrachten, von Kopf bis Fuß und noch einmal zurück. Schließlich rückte sie noch einen Schritt näher zu mir. Mit einem Seitenblick merkte ich, wie sie unruhig wurde. Wohl weil ich nicht zur Seite ging, obwohl sie mir recht nahe gekommen war.

Als ich mich dann nah an das Fenster bückte, um eines der Häuser besser zu sehen können, da platzte ihre Geduld .

"Sie denken wohl, sie können dieses Haus kaufen?", fragte sie ganz verblüfft, und sah mich mit ihrem strengen Blick herabwürdigend an.

"Warum nicht?", entgegnete ich, bemüht, dass meine Stimme ein bisschen freundlicher klang als ihre .

"Aber Sie sind ..Sie sind eine ... Ich meine Sie sind bestimmt keine Deutsche!", sagte sie stotternd .

"Ja und? Auch wenn ich keine Deutsche bin, habe ich ein Recht ein Haus zu kaufen . Schließlich lebe ich hier seit mehr als zwanzig Jahren."

Als ich das sagte, wurde die Dame noch unruhiger und fuhr fort :

"Aber Ihr habt bestimmt in Eurer Heimat ein Haus?!"

"Sie haben recht !- Ich habe auch in meiner Heimat ein Haus. Auch bei uns leben die Menschen in Häusern und nicht auf der Wiese oder in Wäldern! Ich provozierte sie jetzt bewusst, um ihr Gelegenheit zu geben, ihre Fremdenfeindlichkeit los zu lassen .

"Aber .. aber ..", fing sie wieder empört an zu stottern. "Aber sie können doch nicht hier und dort besitzen. Wissen Sie, Deutschland hat Euch freundlich aufgenommen, damit Ihr hier arbeiten könnt, und ich sehe nicht ein, dass Ihr alles haben wollt. Sie müssen doch zurück in Ihre Heimat, denn die Deutschen haben selber keine Arbeit mehr."

Ich hatte eigentlich keine Lust, mich mit einer Achtzigjährigen zu streiten. Aber ich dachte daran, dass sie ihre Jugend in einer verbrecherischen Zeit verbracht hatte, und war traurig drüber, dass sie daraus nichts gelernt hatte .

"Was geht mich das an? Ich habe eine Arbeit!", sagte ich gleichgültig .

"Sie haben eine Arbeit! Ha, das möchte ich gern glauben!", spottete sie und setzte noch eins drauf: "Sie haben bestimmt nie in Ihrem Leben gearbeitet, das sieht man Ihnen an!"

"Und wie, bitte!", wollte ich wissen.

"Na ja! Ich meine, Sie tragen so teuere Klamotten, die haben Sie mit Sicherheit nicht gekauft!
Nie im Leben können sie sich so was leisten. Ich habe in meinem Leben viel gearbeitet, geputzt und geschuftet bis zum Umfallen, jeden Dreck, der mir angeboten wurde, habe ich gemacht. Aufgeopfert habe ich mich. Wissen sie, ich bin nie in Urlaub gefahren irgendwohin ...".

In mir stieg kalte Wut auf. "Selber Schuld!", unterbrach ich sie .

"Waaaas!", empörte sie sich. "Ausgerechnet Sie - Sie haben niemals was gelernt geschweige denn gearbeitet - Sie sagen mir so was! Ich habe wenigstens was gelernt. Ich habe zwar keine abgeschlossene Lehre, ich bin aber als angelernte Köchin eingestellt worden und habe sogar in Ratskeller gearbeitet. Und was haben Sie gemacht?", fragte sie herablassend .

"Ich! Ich habe Psychologie studiert! Und jetzt erlauben Sie mir, die Angebote weiter zu anzuschauen!"

Ich merkte, dass sie sich niedergeschlagen fühlte und blass von Wut wurde.

Trotzdem konnte ich keine Genugtuung empfinden.

Denn ich wusste, dass ich solche Nicht-Entnazifizierte noch oft treffen würde. Und dafür, Gott weis, habe ich keine Lust und keine Nerven mehr.

Die Erfahrung ständiger Diskriminierung aufgrund meines Migrationshintergrundes machen einen fertig. Am liebsten würde ich, wie die Dame schon sagte, die Koffer packen und irgendwohin auswandern.

Am liebsten zum Mars, denn da oben gibt es überhaupt keine Menschen.

Wo immer ich hingehe, wird mich mein Ursprung begleiten. Wenn nicht wegen meiner schwarzen Haare, dann wegen meiner Religionszugehörigkeit.

Denn ich bin eine Muslimin.


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Elifa Krijestorac ist eine muslimische Bosnierin. Sie lebt seit 1984 in Deutschland.
Von ihr ist im Salzekurier schon die Geschichte "Ich hoffe du kommst wieder ..." erschienen.

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