Berichte / Neonazismus

Zu dem rechtsradikalen Übergriff in Retzen

Faschistische Handlungsmuster gestern und heute
und die (Fehl)Einschätzung durch die Polizei

KS - 19.10.2008

"Gewährenlassen" fehl am Platz!



Faschistisches Handlungsmuster, Phase 1, gestern:

Am 7. Februar 1935 erschien im Gelnhäuser Anzeiger ein Hetz-Artikel über: "Das nächtliche Treiben bei jüdischen Geschäftsleuten".
"Noch am selben Abend sammelte sich vor den Geschäften Keip und Strauß in der Langgasse eine Menschenmenge, die laut lärmte, schrie und mit Fußtritten gegen die heruntergelassenen Rolläden trat. "
[Wildt, Michael: Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung, Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939. (Hamburg 2007), S. 186.]

Faschistisches Handlungsmuster, Phase 2, gestern:

"[...] Zwei Tage später erschien erneut ein antisemitischer Artikel im Gelnhäuser Anzeiger, in dem namentlich Max Moritz angegriffen wurde, worauf am selben Abend eine Menschenmenge die Haustür der Moritz'schen Wohnung in der Langgasse aufbrach, in die Wohnung eindrang, die Lichtleitung zerschnitt, Einrichtungsgegenstände zerstörte und drohte, in einer Stunde wiederzukommen. Die Familie von Max Moritz war, zumal ein vierjähriges Kind krank im Bett lag, wie der C.V. [Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, d. V.]-Bericht festhielt, zu Tode erschrocken. Tatsächlich kehrte die Menge zurück und lärmte so lange, bis Moritz am frühen Morgen in 'Schutzhaft' genommen wurde. (Anm. 32: ...)"
[Wildt, Michael: Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939. (Hamburg 2007), S. 187.]

Einschätzung der Polizei (hier: Gestapo), gestern:

[...] Dr. Matzdorff vom Kasseler C.V. nahm daraufhin Kontakt mit der Staatspolizeistelle Kassel auf. In dem Gespräch versicherte der Gestaporeferent, Dr. jur. Hüttenroth, [...], dass Verstöße gegen das Strafgesetz unter keinen Umständen geduldet werden würden und derzeit Gestapobeamte nach verschiedenen Orten unterwegs seien, um, wie sich Hüttenroth ausdrückte, nach dem Rechten zu sehen. (Anm. 34: ...) Aber schon zehn Tage nach dieser Unterredung meldete Matzdorff der Gestapo Kassel, dass erneut nächtliche Überfälle in Gelnhausen stattgefunden hatten."
[Wildt, Michael: Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939. (Hamburg 2007), S. 187.]

Faschistisches Handlungsmuster, Phase 1, heute:

"Nach Angaben von Beteiligten spielte sich folgendes ab: Etwa fünf bis zehn teilweise betrunkene Jugendliche im Alter von 17 bis 25 Jahren randalieren gegen 24 Uhr vor den Häusern ausländischer Familien. Sie grölen: 'Ausländer raus!'. Als sie gegen die Fensterscheiben klopfen und an das Glas urinieren, rufen die Bedrohten die Polizei.
Die Polizei trifft wenig später mit zwei Streifenwagen ein, womit wohl eine Eskalation verhindert wurde. Sie nimmt die Personalien von dreien der noch fünf anwesenden Jugendlichen auf. [...]
Die dort wohnenden Kinder leiden noch heute unter dem Terror: Sie haben Schlafstörungen und Angst, zum Spielen auf die Straße zu gehen."
[Rechtsradikale Übergriffe in Retzen. - In: Salzekurier vom 09.10.2008.]

Einschätzung der Polizei (hier: "Staatsschutz"), heute:

"Die Vorkommnisse vom 19. auf den 20. September haben sich in der Tat so ähnlich abgespielt, wie uns [gemeint ist die Partei DIE LINKE.Bad Salzuflen nach dem Gespräch mit dem "Staatsschutz", d. V.] das bislang bekannt geworden ist. Zumindest einer der alkoholisierten Jugendlichen hat sich durch Urinieren, Rütteln an Rollläden und Ablassen ausländerfeindlicher Sprüche hervor getan, während andere eher zurückhaltend bis 'aufhaltend' reagiert haben.
Das Ganze wurde von der Polizei aufgenommen, es sind auch Verhöre gelaufen, deren Abhaltung wohl allein schon Wirkung gezeigt haben, denn es wurden einige Entschuldigungen an die betroffene(n) Familie(n) ausgesprochen.
Ansonsten gebe es laut Staatsschutz keine Verbindung etwa zu der HdJ, die in der vergangenen Woche ausgehoben worden war, oder zu der "Terror-Crew 28", gegen die in einem gesonderten Verfahren ermittelt werde, noch zu einer der Kleinstorganisationen, in denen OWL-weit rund 50 Rechtsextreme organisiert und vernetzt sein sollen. Daher laufen die Ermittlungen zwar weiter und werden auf unterer rechtlicher Ebene wahrscheinlich auch zu Konsequenzen führen, doch eher nicht auf der Schiene ausländerfeindlicher Aktionen, wie der Staatsschutz durchblicken ließ." [Hervorhebung durch d. V.]
[wiedergegeben nach einer Information der Partei DIE LINKE.Bad Salzuflen an Mitglieder und Sympathisanten nach einem Gespräch mit dem so genannten "Staatsschutz"]

Fazit:

Wir wissen heute (oder sollten es wissen):
Für Faschisten ist Gewalt nicht nur Mittel der Politik, die Gewaltanwendung selber ist ihre Politik. Wehren wir den Anfängen! Verhindern wir das faschistische Handlungsmuster, Phase 2 und in Zukunft auch das faschistische Handlungsmuster, Phase 1!

Wir sollten einerseits nach den Täterinnen und Tätern, aber andererseits auch nach den Ursachen und nach den Strukturen fragen, die solches Handeln (das "Unfassbare") hier in Lippe, in Retzen-Bad Salzuflen, möglich machen. Und wir sollten entsprechend in der Gegenwart handeln - damit sich nie wieder ein solches System der Gewalt und des Faschismus wie in der Vergangenheit etablieren kann!

"Erst das Gewährenlassen verlieh dem Rechtsbruch den vollen Erfolg. [...] Das gewalttätige Handeln war konstitutiv: Gewalt bildete [...] kein bloßes Mittel der Politik, sie war Politik, [...]
Doch zu der Gleichgültigkeit kam, [...], die alltägliche Gewalt. Dazu gesellte sich eine Art nationale [in diesem Fall auch dorfgemeinschaftliche, d. V.] Verschwörung des Schweigens."

[Aus Heid, L. Joseph: Alle Gewalt ging vom Volk aus. Michael Wildts überzeugende Studie über die alltägliche Gewalt gegen Juden. - In: Jüdische Zeitung, 12/2007, S. 24, Besprechung zu dem Buch von Michael Wildt: Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939.]

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