Berichte / Bad Salzuflens Vergangenheit


Unter Hitler verhaftet und eingekerkert

August Dingersen ( * 1885 1964)

Hans-Heinrich Hausdorf - 04.09.2008

Portrait des Wüstener Kommunisten und Antifaschisten


August Dingersen wurde 1885 in Wüsten in einer Arbeiterfamilie geboren. Er machte keine Lehre, vermutlich war man darauf angewiesen, dass möglichst früh alle Familienmitglieder Geld verdienten.
Die Arbeitsmöglichkeiten in einem lippischen Dorf waren stark eingeschränkt, deshalb ging er wie viele andere Wüstener als junger Mann "auf Ziegelei". Das bedeutete konkret, dass er neun Monate im Jahr im Ruhrgebiet oder in Holland war und lediglich drei Monate nach Hause kam. Er heiratete die Wüstenerin Hermine Stille, mit der er neun Kinder hatte.

Menschen, die August Dingensen kannten, charakterisieren ihn durch zweierlei: Zum einen hatte er eine enorme persönliche Ausstrahlungskraft und zum andern "konnte der arbeiten für zwei".
Im Jahre 1912 trat er der SPD bei. Man weiß nicht, ob er schon damals die Haltung der sozialdemokratischen Fraktion im Reichstag kritisierte, die ja die Kriegskredite des Kaisers genehmigte. Er selbst wurde als Soldat nach Frankreich eingezogen.

Im Jahre 1921 wechselte er in die kommunistische Partei, die sich 1919 in Berlin mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gegründet hatte. In Wüsten entstand eine für ein ländliches Dorf vergleichsweise große Ortsgruppe der KPD, August Dingersen wurde Vorsitzender. Zu dieser Zeit arbeitete er im Steinbruch oder auf dem Bau. In den Landtagswahlen 1925, 1929 und 1933 wurde er auf der Landesliste der KPD aufgestellt.

Anfang der dreißiger Jahren kam es auch in Lippe zu großen Aktionen gegen die immer deutlicher werdende faschistische Gefahr. Im Jahr 1931 sprengte die KPD den NSDAP-Neujahrtag im Gasthof "Zum Löwen" in Sylbach. Wenige Wochen später belagerten etwa 2000 Antifaschisten eine überregionale Veranstaltung der Nationalsozialisten im Lippischen Hof in Bad Salzuflen. Eine sich anbahnende Massenprügelei verhinderte damals der Detmolder SPD-Journalist Felix Fechenbach, der die anwesenden Sozialdemokraten zum Rückzug aufforderte.

Aus verschiedenen Gründen scheiterte ab dieser Zeit die bis dahin noch oft zu Stande gekommene gemeinsame Aktionsfront der Kommunisten und Sozialdemokraten.

Beide Parteien besaßen auch in Lippe eigene Kampforganisationen: Die SPD die Eiserne Front und die KPD den Rotfrontkämpferbund. Nach dem Verbot des Rotfrontkämpferbundes erhielt die "antifa", die antifaschistische Aktion als parteiunabhängige Organisation Bedeutung.

Der Bad Salzufler Historiker Karl Rauchschwalbe konstatiert 1979, dass die Sozialdemokraten "die Hitlerbewegung nicht wirklich richtig eingeschätzt haben als das, was sie tatsächlich war: die Zerstörerin all dessen, was man Humanität nennen mag." Er stellt die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, zu versuchen, "mit allen Mitteln den Sieg Hitlers zu verhindern." [1]

Im Jahre 1932 radikalisierten sich die Auseinandersetzungen, nachdem von SA-Leuten Messer und Revolver benutzt wurden: In der Wahlnacht zur Gemeindewahl gab es bei einer Prügelei in Schötmar zwischen NSDAP- und KPD-Anhängern Schwerverletzte.
Eine zentrale Rolle spielte August Dingersen in dieser Zeit bei den Aktionen außerhalb Wüstens wohl nicht, aber "der rote August" war auch in den Nachbargemeinden bekannt. Überliefert ist, dass er häufig mit dem Fahrrad in die Nachbargemeinden unterwegs war und auch auf Veranstaltungen Reden hielt.

Nach der Machtübertragung auf Hitler wurden in Lippe 400 bis 500 Kommunisten in Schutzhaft genommen, unter ihnen August Dingersen. Der Begriff "Schutzhaft" verfälscht die Realität, es ging nicht um einen Schutz des Inhaftierten, sondern um seine Verfolgung als politischen Gegner. Der prominenteste Häftling in Lippe war der jüdische Sozialdemokrat Felix Fechenbach, der wenige Monate später von den Nazis ermordet wurde (-> mehr Informationen zu Fechenbach) .

Eine Reihe der Inhaftierten wurde in das KZ Börgermoor gebracht. August Dingersen wurde nach kurzer Zeit wie die meisten Häftlinge wieder entlassen.
Er hatte nichts von seiner Gradlinigkeit verloren: In Bad Salzuflen soll er von fünf SA-Mitgliedern überfallen worden sein, die ihn mit Gewalt zum Hitlergruß zwingen wollten. Da der Kommunist aber über enorme Kräfte verfügte, gelang es den Nazis nicht, ihm diesem Geste abzuringen.
Vermutlich deshalb wurde er ein weiteres Mal in Schutzhaft genommen.

Der Widerstand der lippischen Sozialdemokraten brach nach dieser Verhaftungswelle zusammen. Der ehemalige lippische Landespräsident Heinrich Drake aus Lemgo und der ehemalige preußische Innenminister Carl Severing aus Herford richteten sich nach den Anweisungen der Faschisten und unterließen jegliche politische Betätigung.
Anders die lippischen Kommunisten: Sie versuchten in der Illegalität die Partei wieder aufzubauen. Von dem Lemgoer Willy Langenberg wurde sogar bewaffneter Widerstand geleistet, der ihm später das Leben kostete (-> mehr Informationen zu Langenberg).

Die Widerstandsarbeit der KPD wurde 1934 entdeckt, vor dem Oberlandesgericht Hamm wurde 65 lippische Kommunisten wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" angeklagt, August Dingersen gehörte zusammen mit seinem Schwager Heinrich Stille dazu.

Ihnen wurde das Verbreiten der verbotenen Zeitung "Lippische Rote Post" vorgeworfen. Die beiden wurden zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt und in das Zuchthaus Hameln eingeliefert.
Als man ihnen anbot, die Haftzeit in einem Arbeitslager zu verbringen, lehnte Dingersen ab. Für die Nazis wollte er nicht arbeiten. Heinrich Stille stimmte zu und kam in ein Zwangsarbeitslager für Strafgefangene in der Nähe von Lingen im Emsland, wo er zum Torfstechen eingesetzt wurde.

Ob August Dingersen daraufhin in das KZ Papenburg/Börgermoor gebracht wurde, lässt sich nicht eindeutig klären, hier widersprechen sich die Angaben der Zeitzeugen. Das KZ Börgermoor wurde dadurch weltbekannt, dass hier von einem Insassen das Moorsoldatenlied komponiert wurde. Auf der Internetplattform YouTube lassen sich verschiedene Versionen anhören (-> Zum Moorsoldatenlied). Das Lied fand auch in den anderen KZs Verbreitung, obwohl die Lagerleitungen das Singen des Liedes untersagten.
Das zweite große KZ im Emsland war das KZ Esterwegen. Der bekannteste Häftling war der Journalist Carl von Ossietzky, der die Folter der Nationalsozialisten nicht überlebte.
Der Bad Salzufler Schriftsteller Kurt Müller beschreibt in einem seiner Geschichten das Schicksal seines Onkels Gustav Tacke, der als kommunistischer Stadtverordneter in Ratingen in Schutzhaft genommen und auch in Esterwegen inhaftiert wurde.[2]
Nach drei Jahren Aufenthalt in diesem KZ stirbt er nach seiner Entlassung an den Folgen der Misshandlungen.

August Dingersen hat später über die Zeit seiner Inhaftierung nie gesprochen. Gebrochen hatte man ihn aber nicht. "August, wenn du jetzt nicht den Hitlergruß machst, dann bin ich verpflichtet, dich zu melden und dann kommst du wieder ins Gefängnis", soll ein ranghoher SA-Mann aus Wüsten zu ihm gesagt haben. Aber obwohl Dingersen nicht daran dachte, mit Hitlergruß zu grüßen, wurde er nicht gemeldet. In Wüsten hätte man das dem Nationalsozialisten wohl sehr übel genommen.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass August Dingersen nach der Befreiung vom Faschismus 1946 vom ersten Gemeinderat, der durch eine Gemeindeversammlung gebildet wurde, zum stellvertretenden Bürgermeister gewählt wurde. In der Wahl 1948 erhielt die KPD 11% der Stimmen.
Im Jahr 1953 wurde August Dingersen bei einem Arbeitsunfall schwer verletzt, als ihm bei Holzfällerarbeiten in einem Waldstück am Rande von Wüsten ein umstürzender Baum die Beine zerschmetterte. Seit dieser Zeit saß er im Rollstuhl. Von seinem Ratsmandat trat er zurück, seinen Sitz übernahm Hermann Delker. Hermann Delker war von den Nationalsozialisten wegen illegaler Flugblattverteilung zehn Wochen inhaftiert worden. Er erhielt 1956 das Schreiben, dass er nicht mehr Mitglied des Rats sei, weil die KPD verboten worden war.

August Dingersen starb 1964, sein Name gerät immer mehr in Vergessenheit. Weder in Bad Salzuflen noch in Wüsten erinnert ein Straßenname an ihn.
Die heutigen Nazis und Neonazis dürfte das freuen.

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[1] K.Rauchschwalbe: Geschichte der lippischen Sozialdemokratie S.228
[2] Kurt Müller: "Im Emsland" in: Die Mörder sitzen in der Oper

Quellen:
Reinhard Wulfmeyer: Lippe 1933
Karl Heinz Henne: Die lippische Arbeiterbewegung im Kampf gegen Verelendung und Faschismusgefahr während der letzten Jahre der Weimarer Republik
Jürgen Hartmann: Zur Geschichte der KPD und zum kommunistischen Widerstand in Lippe in: Lippische Mitteilungen 62.Band
Auszüge aus den Prozessakten des OLG Hamm O.J. 64/34
Akten des Stadtarchivs zu den Gemeindewahlen in Wüsten
Gespräche mit Zeitzeugen und den Kindern und Enkeln von August Dingersen

Veröffentlichung der Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Bad Salzuflen.

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