Berichte / Initiativen in Bad Salzuflen


Ärzte-Initiative gegen Einflussnahme der Pharmakonzerne

MEZIS e.V. Mein Essen zahl ich selbst -
Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte

22.08.2008

Interview mit dem Bad Salzufler Vorstandsmitglied Dr. Eckhard Schreiber-Weber

Salzekurier: Herr Dr. Schreiber-Weber, Sie gehören zu den Gründern der Ärzteinitiative "MEIN ESSEN ZAHL ICH SELBST", außerdem sind Sie Mitglied des Vorstands.
Die Initiative richtet sich gegen die Einflussnahme der Pharmaindustrie auf die Verschreibungspraxis der Ärzteschaft. Wie gehen diese Konzerne vor?

Die Beeinflussung geht manchmal direkt über Geldzuwendungen für die Verordnung bestimmter Medikamente, klassischerweise aber z.B. über das Essen. Dazu werden z.B. Praxisteams eingeladen oder Ärztinnen und Ärzte auf kostenlosen Fortbildungsveranstaltungen. Diese werden in großem Umfang von der Pharmaindustrie organisiert und finden meistens in guten Hotels statt. Auch der Referent wird von der Pharmafirma bezahlt, benutzt manchmal gleich deren Folien und das Medikament der Firma, die ihn fürstlich sponsert, kommt im Vortrag besonders gut weg. Objektive Informationen gibt es so nicht.

Großen Einfluss üben auch die kostenlosen Fachzeitschriften aus, die die Arztpraxen in großer Zahl bekommen. Sie leben von überall präsenten Anzeigen der Pharmaindustrie, berichten vorwiegend und meist wenig objektiv über Medikamente und werben für diese auch in redaktionellen Artikeln. Auch phama-gesponserte Software in Praxiscomputern setzen bestimmte Medikamente ins rechte Licht.

Am direktesten wird das Verordnungsverhalten durch Pharmavertreterinnen und Pharmavertreter beeinflusst. 15.000 machen jedes Jahr ca. 20 Mio. Besuche in Praxen und Kliniken. Durch kostenlose Arzneimittelmuster, unzählige kleine oder größere Geschenke, Einladungen zu Reisen, Fortbildungen und Essen versuchen sie Ihre Produkte besser zu vermarkten. Ihre Aussagen sind nie objektiv, oft unvollständig, irreführend und falsch. Über Preise und unerwünschte Arzneimittelwirkungen sprechen sie selten. Sie sind bestens geschult und man darf nicht vergessen, dass sie dafür bezahlt werden, den Profit ihrer Firma zu erhöhen und nicht um die Gesundheit der Patienten zu verbessern.

Salzekurier: Welche Folgen für die Allgemeinheit ergeben sich?

Katastrophal wirkt sich das für die Ausgaben im Gesundheitswesen aus Die gesetzlichen Krankenkassen gaben 2006 25,9 Mrd. Euro für Medikamente, aber nur 22,2 Mrd. Euro für die Honorare der niedergelassenen Ärzte aus. Die Beiträge steigen, die medizinische Versorgung wird schlechter, weil das Geld dringend an anderer Stelle fehlt - zunehmend auch bei der angemessenen ärztlichen Vergütung.
Aber auch die medikamentöse Versorgung leidet. Die Patienten bekommen zu viele Medikamente verschrieben, die zu schnell zugelassen, zu schlecht untersucht und zu nebenwirkungsreich sind. Gerade neue, mit großem Aufwand auf den Markt gedrückte Arzneimittel, sind meistens nicht besser, nicht sicherer, nur deutlich teurer. Auch gibt die Pharmaindustrie mehr Geld für Marketing als für Forschung aus und auch da mehr für gewinnbringende Lifestile -Produkte (Potenz- und Haarausfallmittel), als z.B. für Mittel gegen Krebs oder die sich ausbreitende Tuberkulose.

Salzekurier: Wo ist eigentlich die Grenze zur Bestechung? Könnte der Gesetzgeber nicht Schranken setzen?

Es gibt gesetzliche Grenzen. So darf eine Pharmavertreterin nur zwei Muster der kleinsten Packungsgröße eines Medikamentes pro Jahr abgeben und auch der Wert der Geschenke ist, ich glaube auf maximal fünf Euro begrenzt. Auch die Arzneimittelindustrie hat sich in einem Kodex einer freiwilligen Selbstkontrolle unterworfen. Einerseits sind diese Richtlinien aber zu lasch und andererseits werden sie in der Praxis immer wieder unterlaufen. Die Grenzen zur Bestechung sind sicherlich fließend. Aber direkte Bestechung ist auch gar nicht nötig. Auch durch legale Zuwendungen, Essenseinladungen und angenehme persönliche Gespräche wird eine gute Stimmung geschaffen, die Abhängigkeiten schafft. Das wird von Ärztinnen und Ärzten oft unterschätzt.

Salzekurier: Wie versuchen die Mitglieder von MEZIS entgegen zu wirken?

Wir wollen unser Verschreibungsverhalten am Patientenwohl orientieren und die Kolleginnen und Kollegen dafür sensibilisieren, sich nicht von der Pharmaindustrie beeinflussen zu lassen. Bei Fortbildungen soll zumindest transparent gemacht werden, von wem sie und die Referenten bezahlt werden. In meinem Wartezimmer hängt ein Plakat, dass die Ziele von MEZIS auch für die Patienten deutlich macht: z.B. keinen Empfang von Pharmavertretern, keine Muster und Geschenke, keine Einladungen zum Essen und unabhängige Fortbildungen und Software. Und wir informieren uns durch unabhängige Quellen, die es durchaus gibt. Auch die Arzneimittelrichtlinien der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen Lippe sind da wertvoll.

Salzekurier: Wie viele Mitglieder hat MEZIS?

Wir haben die 100 jetzt überschritten. Damit sind wir sicherlich noch eine kleine Minderheit, aber wir wachsen auch dank der großen Resonanz in der Presse kontinuierlich und haben prominente Mitglieder, wie den jetzigen und ehemaligen Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und die Kassenärztliche Vereinigung Bayern.

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Dr.Eckard Schreiber-Weber ist Facharzt für Allgemeinmedizin mit dem Schwerpunkt Naturheilverfahren und ist Badearzt in Bad Salzuflen.

Ausführliche Informationen zu Mezis sind auf der Webseite http://www.mezis.de/ erhältlich.





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