Berichte / Schule


Wirtschaftsjunioren Lippe verleihen Siegel

School-rating Berufsorientierung

T2 - 26.06.2008

Ausbildungsfreundliche Schule = Unternehmerfreundliche Schule ?

Das Projekt der Wirtschaftsjunioren Lippe findet jetzt zum vierten Mal statt, erfunden hat es aber wohl die Bertelsmann-Stiftung: Seit Jahren initiiert sie in der Region Düsseldorf die Vergabe des „Berufswahl-Siegels: Schule mit vorbildlicher Berufsorientierung“. Bielefeld und andere Regionen NRWs folgten. Bewerben können sich allgemeinbildende Schulen, die einen umfangreichen Katalog von Kriterien erfüllen müssen, um diesen Siegel zu erhalten. Auf ihren Webseiten prahlen diese Schulen häufig damit, diese Auszeichnung erhalten zu haben.

Mittlerweile wird dieses Projekt auch in den Bundesländer Thüringen, Baden Württemberg und Hamburg durchgeführt.

In Lippe sind die Wirtschaftsjunioren die Veranstalter. Das Siegel heißt hier: „Ausbildungsfreundliche Schule“. Im letzten Jahr 2007 konnten die Fröbelschule Kalletal den ersten Platz erreichen. Die Karla-Raveh-Gesamtschule Lemgo und die Heinrich Drake Gesamtschule Detmold teilten sich den zweiten Platz.

Breite Unterstützung kam von der Landesregierung, die Preisverleihung wurde von Bildungsministerin Sommer vorgenommen.

Nun wird niemand etwas gegen Initiativen für Verbesserungen der Berufsvorbereitung an den Schulen haben, es stellt sich aber die Frage, ob hier nicht neben der Verbesserung der Berufsorientierung auch ganz andere Ziele verfolgt werden.

1. Als Partner der Wirtschaftsjunioren fungieren die Industrie- und Handelskammer (IHK) und die Kreishandwerkerschaft. Nicht privatwirtschaftlich organisierte soziale Organisationen gehören nicht dazu, diese Sparte beruflicher Orientierung wird auch im weiteren völlig ausgeblendet.

2. In der Jury fehlen nicht nur Vertreter aus diesem Bereich, sondern auch Arbeitnehmervertreter und Gewerkschafter.

3. Wie ökonomische Themen im Unterricht vermittelt werden sollen, wird an Beispielen verdeutlicht, etwa durch die Durchführung eines unbefristeten Projekts „Schülerfirma“. Im Vordergrund steht die Ausrichtung auf unternehmerisches Denken (Profitmaximierung). Eine Partnerschaft mit einer Schule in einem Entwicklungsland würde wohl nicht bewertet.

4. Wichtiges Beurteilungskriterium ist die Teilnahme an ökonomischen Wettbewerben wie dem Quiz der Wirtschaftsjunioren oder dem Börsenplanspiel.
Das Quiz der Wirtschaftsjunioren besteht in der Abfrage ökonomischer Fakten, wobei man dort die Frage nach dem Ausmaß der Kinderarmut in der BRD und deren ökonomische Folgekosten nicht finden wird.
Das Börsenplanspiel besteht in einer spielerischen Einführung in die Aktienspekulation. Das Motto lautet: Mit wenig Arbeit viel Geld verdienen.

5. Ein Kriterium ist denn auch, dass Angebote der Wirtschaft zur Information wahrgenommen werden, z.B. die Teilnahme am Arbeitskreis Bildung und Wirtschaft der Wirtschaftsjunioren (Toll!). Außerdem ist die Einbindung von Praktikern/Ausbildern in den Unterricht wichtig, Titel: „Unternehmer machen Unterricht“ (Kein Witz, wird wörtlich als Kriterium genannt).

6. Ein weiteres Kriterium ist die Einbindung außerschulischer Referenten in den Unterricht, als Beispiel werden denn auch „freiberufliche und gewerbliche Unternehmer“ genannt. Die Einladung von Vertretern von Gewerkschaften oder Arbeitsloseninitiativen würde wohl keine Punkte bringen.

7. Als zu erstrebende Partnerschaften werden wiederum „freiberufliche und gewerbliche Unternehmer“ genannt. An die Partnerschaft mit einem Altenheim ist also eher nicht gedacht.

Fazit:
Es fragt sich, ob durch das school-rating neoliberale Denkweisen in den Köpfen der Schüler(innen) verankert werden sollen nach dem Motto: Oberstes Ziel im Wirtschaftsleben ist Profitmachen, soziale Einstellungen und solidarische Handlungsweisen sind überflüssig.



Quellen:
http://www.wj-lippe.de
http://www.netzwerk-berufswahlsiegel.de


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