Berichte / Bad Salzuflens Vergangenheit

Wander-Ausstellung

9.11.1938 - Reichspogromnacht in Ostwestfalen-Lippe

Karlheinz Seiler - 15.06.2008

Die Ausstellung macht betroffen

"Erst das Gewährenlassen verlieh dem Rechtsbruch den vollen Erfolg. Oder anders - zynisch - ausgedrückt: Im nationalsozialistischen Deutschland ging alle Gewalt vom Volk aus. [...] die Nazis mussten also nichts neu erfinden. Ihr Antisemitismus unterschied sich von den Vorläufern allein in einem Punkt - im Rigorismus. Das gewalttätige Handeln war im Nationalsozialismus konstitutiv: Gewalt bildete für die Nationalsozialisten, deren Ordnungsprinzip sich auf Volk und Rasse gründete, kein bloßes Mittel der Politik, sie war Politik, [...] Das NS-Regime 'vergemeinschaftete' die Gewalt und ließ die Volksgenossen an ihr partizipieren. - Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalttätigkeiten gegen Juden, Gleichgültigkeit und Apathie gegenüber der antijüdischen Politik und damit gegenüber dem Schicksal der jüdischen Nachbarn war die weitverbreitetste Haltung. Die Straße nach Auschwitz, so die denkwürdige Metapher, war vom Hass gebaut, aber mit Gleichgültigkeit gepflastert. Doch zu der Gleichgültigkeit kam, [...], die alltägliche Gewalt. Dazu gesellte sich eine Art nationale Verschwörung des Schweigens."
[Aus Heid, L. Joseph: Alle Gewalt ging vom Volk aus. Michael Wildts überzeugende Studie über die alltägliche Gewalt gegen Juden. - In: Jüdische Zeitung, 12/2007, S. 24, Besprechung zu dem Buch von Michael Wildt: Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939.]

Die Ausstellung "9.11.1938 - Reichspogromnacht in Ostwestfalen-Lippe" macht betroffen. Sie trifft das Herz, die Gefühle, und den Verstand. Nach dem Besuch der Ausstellung bin ich immer noch beeindruckt und schockiert - und ich frage mich, wie es zu so einem Ereignis kommen konnte. Wieso kommen Menschen dazu, so etwas zuzulassen? Wie konnte so etwas geschehen? Und was kann ich, was können wir tun, um zu verhindern, dass so etwas noch einmal geschieht?

Das Jahr 1938 als Wendepunkt des Antisemitismus in Deutschland während der NS-Zeit steht im Fokus der Ausstellung. Die "Reichspogromnacht am 9.11.1938" ist der zeitliche Einschnitt für den Übergang von der Diskriminierung und Ausgrenzung der deutschen Juden hin zur systematischen Verfolgung, die in den Holocaust mündete.

Der Aufbau der Ausstellung

Zeitlich beschränkt sich die Ausstellung auf die Zeit ab 1933. Der Besucher der Ausstellung sieht als erstes Bild das einer brennenden Synagoge. Die Feuerwehrleute und Schaulustigen sehen zu, wie das Gebäude niederbrennt. Auf den Ausstellungstafeln wird auf die Phase der Ausgrenzung 1933 bis1935 sowie auf die Phase der systematischen Diskriminierung 1935 bis 1938 ausführlicher eingegangen. Es folgen Informationsblöcke zu der systematischen Vernichtung (Holocaust), zum fehlgeschlagenen Versuch, die Täterinnen und Täter nach 1945 zu belangen, zu den Versuchen, durch Rechtsprechung sowie Gedenken, die Zeit vor 1945 aufzuarbeiten und zu den vielfältigen Erscheinungsformen des Antisemitismus sowie des alten und neuen Faschismus in der heutigen Zeit. Ganz ausgeblendet wird - leider -die Vorgeschichte des systematischen staatlich organisierten Antisemitismus in der Zeit vor 1933.

Offene Fragen: Wer? - Warum?
Fragen zur Ausstellung "9.11.1938 - Reichspogromnacht in Ostwestfalen-Lippe"

Mir fielen bei dem Besuch der Ausstellung in Detmold zwei Dinge auf. Zu dem Punkt "Arisierung"fand ich auf einer der Ausstellungstafeln den Hinweis: "Für das Land Lippe sind keine Daten vorhanden." Zu der Frage "Wer war es? Wer waren die Täterinnen oder Täter?" ist in der Ausstellung der Hinweis zu finden: "In Ostwestfalen-Lippe waren die maßgeblichen Täter in der Regel SA- und SS-Angehörige."

Die Frage der "Arisierung"

Unter dem Begriff "Arisierung" ist in "Immanuel Geiss: Geschichte griffbereit. Die sachsystematische Dimension der Weltgeschichte" unter dem Eintrag "Reichskristallnacht" vermerkt: "'Arisierung' jüdischer Betriebe und Geschäfte - Zwangsverkauf zu Schleuderpreisen an 'Arier' (= Deutsche)". Sind für das Land Lippe wirklich keine Daten vorhanden? - Gab es in Lippe etwa keine "Arisierungen"? Und wenn es doch welche gab, wo sind die Unterlagen (Zahlen, Daten, Fakten) geblieben? Wenn es "Arisierungen" und entsprechende Unterlagen gab, warum sind sie verschwunden? Durch wen wurden sie beseitigt?

Der Historiker Wolfgang Müller weist in seinem Buch über die "Gartenstraße 6" auf "Arisierungen in Detmold" hin."Sie [Regina Bonom] verlor 1936 auch noch ihre Stenotypistinnenstelle bei den Vereinigten Möbelwerken in Detmold, die bis zur sogenannten 'Arisierung' [sic !!!, d. V.] der Firma den beiden jüdischen Fabrikanten Albert Eichmann und Hermann Neugarten gehört hatten, [...] Am 28. Oktober 1938 wurde Regina Bonom auf Befehl des Reichsführers SS zusammen mit den ebenfalls aus Polen stammenden Anna und Josef Vogelhut, die in der Krummen Straße ein Geschäft für gebrauchte Kleider betrieben hatten, von der Polizei verhaftet [...]" [Müller, Wolfgang: Gartenstraße 6. Zur Geschichte eines Detmolder "Judenhauses" und seiner Bewohner.-Detmold 1992 (Bd. 7 von Panu Derech-Bereitet den Weg, Schriftenreihe der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Lippe e.V.), S. 5 f.] Was ist mit dem Geschäft in der Krummen Straße passiert?

Wer waren die Täter?

Wer war schuld daran, dass die Synagogen brennen konnten? Nur die SA- und SS-Leute? Wer hat die Entwicklung willentlich geduldet?

Zu der Frage "Wer waren die Täter?" ist in der Ausstellung der Hinweis zu finden: "In Ostwestfalen-Lippe waren die maßgeblichen Täter in der Regel SA- und SS-Angehörige." - Ich frage mich da: Warum schauten viele andere "nur" zu, als die Synagogen brannten? Was haben diese "anderen", zum Beispiel die "zuschauenden" Feuerwehrleute oder die Schaulustigen beim Brand der Paderborner Synagoge, vor 1938, in der Phase der Ausgrenzung der Juden und anderer Bevölkerungsgruppen (Sinti und Roma, so genannter "Asozialer" und anderer) und in der Phase der Diskriminierung von 1935 bis 1938 gemacht, gesagt, getan? Was haben "die anderen", was hat die Bevölkerung vor 1933 gegen den "Antisemitismus" gemacht, gesagt, getan? - Warum wurde auch schon vor 1933 "ausgegrenzt"oder "Ausgrenzung" geduldet? Warum wurde diese Gewalt des Staates geduldet? Warum konnten sich staatliche Gewalt und Gewalt von 'unten', Gewalt aus der Bevölkerung heraus, ergänzen? Warum soll es in Ostwestfalen-Lippe, in Detmold, anders gewesen sein als im restlichen Deutschland?

Verdrängung in der Gegenwart

Auch heute noch ist der Mechanismus des Verdrängens wirksam. Zu der Schuldfrage fällt mir eine Passage aus dem Buch des Historikers Hannes Heer ein: Ein amerikanischer Offizier hatte 1944 nach dem Einmarsch der 1. US-Armee in den Raum Aachen den Auftrag, die Mentalität, die Einstellungen und Erwartungen, der Deutschen zu erkunden, um Informationsmaterial für die amerikanische Militärregierung zu gewinnen. Das Ergebnis war deprimierend. Er notierte: "Seit zwei Monaten sind wir hier zugange, wir haben mit vielen Menschen gesprochen, wir haben jede Menge Fragen gestellt, und wir haben keinen einzigen Nazi gefunden. Jeder ist ein Nazigegner. Alle Leute sind gegen Hitler gewesen. Was heißt das? Es heißt, daß Hitler die Sache ganz allein, ohne Hilfe und Unterstützung irgendeines Deutschen durchgezogen hat. Er hat den Krieg angefangen, er hat ganz Europa erobert, den größten Teil Rußlands überrannt, fünf Millionen Juden ermordet, sechs bis acht Millionen Polen und Russen in den Hungertod getrieben, vierhundert Konzentrationslager errichtet, die größte Armee in Europa aufgebaut und dafür gesorgt, daß die Züge pünktlich fahren, Wer das ganz alleine schaffen will, muß schon ziemlich gut sein. Ich kenne nur zwei Menschen in der ganzen Welt, die so etwas können. Der andere ist Superman." [Saul K. Padover, Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45, München 2001, S. 46. - Wiedergegeben nach Heer, Hannes: "Hitler war's". Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit. - (Berlin 2005), S. 5]

Konsequenzen für die Gegenwart

Welche Konsequenzen sollten wir für heute ziehen? Ich meine: Antisemitismus, auch nur in Ansätzen, darf nicht geduldet werden. - Und anderweitige Ausgrenzung, zum Beispiel die von Flüchtlingen, die hier eine neue Heimat suchen, ebenfalls nicht! Die Historiker in Lippe (und nicht nur diese) sollten wenigstens versuchen, die offenen Fragen bezüglich der "Arisierung" sowie die bezüglich der Täterinnen und Täter zu beantworten und die Antworten zu dokumentieren. Der Staatssekretär für Kultur des Landes NRW, Hans Heinrich Grosse-Brockhoff, wird in der LZ vom 08.02.2008 zitiert mit: "Unsere Zeit neigt nicht zum Erinnern, sondern zum Verdrängen, zum Vergessen." Ich meine, wir sollten über das Verdrängen und Vergessen, ja sogar über das Erinnern hinaus nicht nur "die Wahrheit im Konkreten" suchen. Wir sollten einerseits nach den Täterinnen und Tätern, aber andererseits auch nach den Ursachen und nach den Strukturen fragen, die das "Unfassbare" hier in Lippe, in Detmold, möglich machten. Und wir sollten entsprechend in der Gegenwart handeln - damit sich nie wieder ein solches System der Gewalt und des Terrors etablieren kann!

Ich bin gespannt darauf, ob in der Ausstellung in Bad Salzuflen, vom 15. Januar bis zum 15. März 2009 im Stadt- und Bädermuseum,oder in Lemgo, vom 16. Januar bis zum 14. Februar 2010 im Stadtarchiv und Städtischen Museum Hexenbürgermeisterhaus, versucht wird, die Frage der so genannten "Arisierung" oder die Frage "Wer waren die Täter?" in Lippe direkter zu beleuchten und konkret zu beantworten.

Nicht nur für Schulklassen, sondern für die ganze Bevölkerung sollte der Besuch dieser Ausstellung zur Pflicht gemacht werden.

Einerseits ist es Ziel der Ausstellung, "der langjährigen Arbeit von Schulen, Geschichtswerkstätten, Geschichtsvereinen, Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Museen, anderen Kultureinrichtungen und Privatinitiativen vor im Rahmen von Gedenkveranstaltungen zum 9. November 1938 durch vergleichenden Blick auf die Ereignisse in der Region neue Impulse zu geben" (so das Begleit-Faltblatt). Andererseits zeigt die Ausstellung die Notwendigkeit, sich in der Gegenwart mit den konkreten Verhältnissen vor Ort zu beschäftigen und sich öffentlich einzumischen, wenn sich faschistisches Gedankengut in Wort und Tat breitzumachen versucht, in der Gesellschaft allgemein, auf der Straße, aber auch in den Gemeinderäten, Stadträten oder anderen politischen Vertretungsorganen.

So kommt der Präsident des Verwaltungsgerichts Minden, Klaus Peter Frenzen, in seinem Eintrag vom 7.02.2008 im Tagebuch zu der Ausstellung bezüglich des angeblichen Demonstrationsrecht von Faschisten zu dem Schluss:

"Wer sich heute aus falsch verstandener Libertinage [laut Duden: gehobener Ausdruck für 'Liederlichkeit, Zügellosigkeit', laut Peltzer-Fremdwörterbuch 'Treffend verdeutscht': Ausdruck für 'Leichtfertigkeit'] für das angebliche Demonstrationsrecht von Neonazis einsetzt, wie dies leider auch am höchsten deutschen Gericht, dem Bundesverfassungsgericht, propagiert wird, hat aus der Geschichte vielleicht nicht das Richtige gelernt. Ich danke für die hervorragende Ausstellung."

Termin Ausstellungsort
2.Juni -
27.Juni 2008
Paderborn Kreishaus
16.August -
4.Oktober 2008
Herford Gedenstätte Zellentrakt
15.Oktober -
12.Dezember 2008
Bielefeld Stadtarchiv
15.Januar -
15.März 2009
Bad Salzuflen Stadt- und Bädermuseum
20.April -
8.Mai 2009
Salzkotten Rathaus
19.August -
9.Oktober 2009
Stemwede Rathaus und Begegnungsstätte
29.Oktober -
18.Dezember 2009
Gütersloh Kreishaus
16.Januar -
14.Februar 2010
Lemgo Stadtarchiv - Hexenbürgermeisterhaus


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