Literatur / Bad Salzuflens Vergangenheit


Literatur im Salzekurier

Ein ganz legaler Mord

Kurt Müller - 11.06.2008

Ehrsen im Jahre 1941


Der 28.Juli 1941 war ein ungewöhnlich heißer Tag, die Bauern waren mit der Roggenernte beschäftigt.
Früh am Morgen holten zwei Gestapo-Männer Stefan Bolewski aus der Zelle, sie fesselten ihn sorgfältig. „Es ist so weit“, sagte einer der beiden und machte die Gebärde des Aufhängens. Über die Wochen seiner Haft hatte sich Stefan Bolewski der trügerischen Hoffnung hingegeben, es würde sich alles zum Guten wenden. Ständig hatte er gebetet, Gott möge ihm gnädig sein und vor dem Tod bewahren. Nun begriff er, dass alles Beten und Hoffen vergeblich gewesen war, er war verloren.

Er dachte an seine Eltern, würden sie von seiner Hinrichtung erfahren? Und er dachte auch an Elisabeth, würde sie mit dem Leben davonkommen? Während seiner Haft hatte er nicht die geringsten Auskünfte erhalten, schon der Ansatz einer Frage wurde mit den Worten abgetan: „Was willst du polnisches Schwein? Du darfst zuhören und parieren, mehr nicht!“

Während der Fahrt von Bielefeld nach Ehrsen, mit zwei begleitenden Fahrzeugen, sprachen die Gestapo-Leute von sich aus nicht ein einziges Wort mit ihm. Stefan Bolewski wusste, dass es kaum Sinn haben würde eine Frage zu stellen. Trotzdem sagte er zaghaft: „Wo ist Elisabeth Linke?“

Einer der beiden Beamten lachte: „Die ist dort wo sie hingehört, im Konzentrationslager! Verstehen?“ Der andere Beamte brummte: „Was gibst du dich mit dem Pollack ab.“ Von diesem Moment an sprachen die beiden Gestapo-Leute kein Wort mehr, sie waren sich offenbar nicht grün.

In Ehrsen angekommen fuhr die Wagenkolonne auf den Hof einer Tischlerei. Der Tischlermeister hatte schon vor Tagen von den Justizbehörden die Weisung bekommen einen Sarg und einen Galgen anzufertigen; der Auftrag hatte den Meister sehr erfreut. Es war das erste Mal in seiner Firmengeschichte, dass er einen Galgen zimmern musste.

In den umliegenden Ortschaften hatte sich die Nachricht von der bevorstehenden Hinrichtung herumgesprochen. Neugierige strömten von allen Seiten zur Richtstätte, ein Steinbruch in der Nähe des Ortsteils Breden.

Um 16 Uhr am 28.Juli 1941 wurde Stefan Bolewski ermordet. Ob seine Eltern je davon erfuhren, ist nicht zuverlässig belegt, jedenfalls gibt es keinen Hinweis darauf.

Bekannt ist, dass man etwa 100 polnische Zwangsarbeiter an dem Toten vorbeiführte, um ihnen ein abschreckendes Beispiel zu zeigen. Weder die Mörder noch der Denunziant wurden nach Kriegsende zur Verantwortung gezogen, Protokolle über Vernehmungen sind verschwunden.

Wie ein Hohn liest sich die Sterbeurkunde, wo von einer Schreibkraft in akkurater Handschrift vermerkt ist: ' Der Verstorbene war geboren am 2.August 1911 in Bodzieschewo in Polen, Religion unbekannt, Vater unbekannt, Mutter unbekannt. Der Verstorbene war nicht verheiratet.'

Elisabeth Linke kehrte nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager nach Ehrsen zurück. Wie sie die Geschehnisse der zurückliegenden Jahre innerlich bewältigte, weiß niemand. Sie hat wohl auch keinen Antrag auf Entschädigung für das erlittene Unrecht gestellt. In der Familie wurde über die Ereignisse des Jahres 1941 und die Jahre der KZ-Haft nie gesprochen.

Werner Linke kam nach der Kriegsgefangenschaft zurück in sein Heimatdorf. Die Eheleute Linke sind schon einige Jahre tot und auf dem Friedhof in Ehrsen begraben.

Sucht man nach dem Grab von Stefan Bolewski, man wird es nicht finden.....


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Zum Hintergrund: Stefan Bolewski war polnischer Zwangsarbeiter auf einem Bauernhof in Ehrsen. Er wurde zum Tode verurteilt, weil er „als Fremdvölkischer ein Liebesverhältnis zu einer deutschblütigen Frau“ hatte. Elisabeth Linke (Name nicht mit Person identisch) war als Landarbeiterin auf dem selben Hof beschäftigt. Sie wurde des „Geschlechtsverkehrsverbrechen“ angeklagt und erhielt vier Jahre Haftstrafe in einem Konzentrationslager.

Der Text ist ein Auszug aus der Geschichte „Ein ganz legaler Mord“ in dem Buch „Die Mörder sitzen in der Oper“ von Kurt Müller. Der 1933 in Bad Salzuflen geborene und hier aufgewachsene Autor erlebte die Kriegsjahre als Kind. Er ging 1957 in die DDR, wo er lange Jahre als Dreher und als Sanitärinstallateur arbeitete. Er fand Anschluss an einen Kreis literarisch Interessierter ( Zirkel schreibender Arbeiter).
Vom realen Sozialismus enttäuscht stellte er 1975 einen Ausreiseantrag und kehrte in seine ostwestfälische Heimat zurück. Von ihm sind bisher zehn Bücher erschienen.

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