Literatur / Rechtsradikalismus

Literatur im Salzekurier

Ich hoffe du kommst wieder ...

Eine (wahre) Geschichte

Elifa Krijestorac - 13.05.2008

Was Krieg heißt, erfuhr ich erst mit acht, als unsere Klassenlehrerin einen Dokumentar-Film über die Verbrechen der Nationalsozialisten zeigte. Ich war noch nie in einem Kino gewesen und wusste nicht einmal, wie ein Fernsehen aussieht, so dass ich mit großer Ungeduld auf die Leinwand starrte.

Der Film hatte den Titel: "Nie wieder Krieg ".

Was ich danach sah, als sich die Dokumentationsbilder aus dem Konzentrationslager Jasenovac über die Leinwand bewegten, veränderte mein Leben für immer.

Später ging mir der Satz durch den Kopf, den unsere Lehrerin am Ende des Films gesagt hatte: "Kinder vergesst nie: Ohne Frieden gibt es kein Leben!"

Jedem von uns ist ein Schicksal gegeben, das uns durch unser Leben begleitet, ohne uns zu fragen, in welche Richtung sich unsere Tage bewegen sollen. So hat mich mein Schicksal nach Deutschland gebracht, wo ich seit vielen Jahren ohne nennenswerte Probleme mit Deutschen lebe.

Viele Jahre danach, genauer gesagt am 8. Mai dieses Jahres, an dem Tag, der als Befreiungstag vom Faschismus gefeiert wird, stand ich auf der Lange Straße in Bad Salzuflen und verteilte Flugblätter gegen den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan und für ein Verbot der NPD.

Die Fußgängerzone entlang bewegten sich viele Menschen, die auf dem nahegelegenen Markt ihre Einkäufe erledigten. Es war ein wunderschöner sonniger Tag. Viele Kurgäste unternahmen lange Spaziergänge durch der Stadt, so dass ich den Eindruck hatte, es bewegte sich ein bunter stiller und vor allem friedlicher Fluss auf mich zu.

Manche nahmen ein Flugblatt aus meiner Hand, andere bedankten sich, manche lehnten höflich mit ein kurzen Lächeln ab und wieder andere gingen nachdenklich ein bisschen in sich gekehrt an mir vorbei und bemerkten mich überhaupt nicht. Ein sympathisches junges Paar unterhielt sich kurz mit mir und am Ende drückte sie mir eine Visitenkarte eines Finanzunternehmens in die Hand und fügte hinzu, wenn ich in Zukunft einen Kredit brauchte, dann sei das die richtige Adresse.

Als ich mich von den beiden verabschiedete, kam ein älterer Herr hinzu. Als er das zweite Flugblatt sah, auf dem ein Verbot der NPD gefordert wurde, nahm er mich unter einen Feuerbeschuss mit Worten, so heftig, dass mir für kurze Zeit die Sprache verging. "Ich glaube nicht an euren Frieden!" - schrie er laut und fing an, die Juden zu beschimpfen. Sie, die Juden hätten Schuld an der heutigen Finanzmisere und der Arbeitslosigkeit, die zur Zeit in Deutschland herrsche .

"Hören sie mir zu!" - unterbrach mich der Mann mit seiner tiefen Stimme, als ich zu protestieren versuchte, und lästerte weiter: "Wissen Sie, wie viele Jahre schon vergangen sind seit der Krieg zu Ende ist?"

"Nein, sagen sie es mir", erwiderte ich ironisch und wandte mein Gesicht von ihm ab als Zeichen, dass ich seine Bemerkung missachtete.

Auf einer nahe gelegenen Bank hatten ein paar Zuhörer wahrscheinlich die ganze Zeit den ungewöhnlichen Dialog zwischen mir und dem Judenhasser verfolgt. Einer der zwei Männer lächelte mich sanft an, als der Hassprediger unbeirrt fortfuhr mir zu erklären, wie viel Entschädigungsgelder die Juden immer noch von Deutschland verlangten. "Alles umsonst kriegen die von uns", fügte er hinzu, "die U-Boote, die Waffen und dazu so viele andere Sachen nach Belieben. ....bla ...bla ...".

Betroffen und völlig entsetzt unterbrach ich ihn und fragte, ob er mir sagen könne, wie viel Geld seiner Meinung nach ein menschliches Leben koste, und gleichzeitig nannte ich ihm die Zahl der in den KZs ermordeten Juden. "Kein Reichtum dieser Welt kann ein einziges Leben entschädigen, mein Herr" - rief ich ihm nach, als er sich schließlich völlig unberührt auf den Weg machte, als ob wir uns nie begegnet wären.

Der alte Herr, der immer noch auf der Bank saß, winkte mir diskret zu. Als ich näher kam, nahm er seinen Stock, richtete sich auf, gab mir freundlich die Hand und sagte: "Ich danke Ihnen, dass Sie heute in meinen Namen gesprochen haben! Ich bin nämlich ein Jude, der Auschwitz überlebt hat". Dann zeigte er mir die eintätowierte Nummer auf seinem Arm.

"Es tut mir unendlich Leid, dass Sie so etwas erleben mussten", sagte ich leise ... und betroffen fügte ich hinzu: "Willkommen in Bad Salzuflen!" Die anderen, die auch aufgestanden waren, kamen auf mich zu, und bedankten sich auf Englisch ebenfalls. Statt Stolz fühlte ich nur Scham und Trauer, die mich zu überwältigen drohte, als die anderen aus der Gruppe zu uns gekommen waren. Der alte Herr hatte häbräisch mit ihnen geredet, was ich nicht verstanden hatte, aber als auch sie mir die Hand gaben und mich freundlich mit "Hello" begrüßten, begriff ich die ganze Empörung und Betroffenheit auf ihren Gesichtern.

Der alte Mann guckte nachdenklich irgendwohin in die Ferne. Ich blickte kurz in diese hellgrünen glanzlosen Augen und fürchtete, die Vergangenheit würde ihn noch einmal einholen.

"Glauben Sie mir!", unterbrach ich seine Gedanken absichtlich und sagte: "Ich lebe so lange Jahre in dieser Stadt. Ich habe so etwas noch nie erlebt ...." "Ach wissen Sie ....machen sie sich keine Gedanken darüber, mir genügt es, dass wenigstens so eine Frau wie Sie hier lebt. Ein Grund mehr, wieder hierhin zu kommen!", sagte er.

Ich konnte mir vorstellen, wie viel Kraft er brauchte, um mir dieses kleine Lächeln zu schenken, denn eine Sekunde danach griff er zu seiner Sonnenbrille und während die Tränen seine Augen benetzten, versteckte er sie unter den getönten Brillengläsern. Danach wollte er wissen wie ich hieße. Er schrieb meine Adresse auf und versprach mir zu schreiben.

Ich schaute ihm noch lange nach, als er mit unsicherem Schritt den Marktplatz entlang ging.

"Leb wohl alter Mann!", flüsterte ich leise - Ich hoffe du kommst wieder .....


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Elifa Krijestorac ist eine muslimische Bosnierin. Sie lebt seit 1984 in Deutschland.
Von ihr ist im Salzekurier auch die Geschichte "Die nicht Entnazifizierte" erschienen.

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