Berichte /Ausstellung in Herford


Neue Dokumente im Stadtarchiv Herford

Carl Severing und Julius Finke - bedeutende Herforder Sozialdemokraten

Christoph Laue - 22.04.2008

Ausstellung "Schutzhaft" in der Gedenkstätte Zellentrakt


Nach Carl Severing ist in Bielefeld das Berufskolleg benannt, trotzdem ist sein Name bei vielen Westfalen relativ unbekannt. Seine Bedeutung erhält der aus der Arbeiterbewegung stammende Sozialdemokrat durch seinen Aufstieg zum preußischen Innenminister. Sein politisches Wirken ist umstritten: So befürwortete er entschieden die Zustimmung zu den Kriegkrediten 1914. In der Novemberrevolution1918 war er Mitbegründer des Bielefelder Volks- und Soldatenrates. Als preußischen Innenminister war er 1920 verantwortlich für die Niederschlagung des Ruhraufstandes, der größten bewaffneten Arbeiteraktion in Deutschland, die sich gegen den Kapp-Putsch gerichtet hatte. Severing wurde 1932 durch den Staatsstreich von Papens als Innenminister entlassen (-> Biographie Carl Severings).

Julius Finke war von 1919 bis 1924 zunächst Stadtverordneter und danach bis 1933 Magistratsmitglied in Herford. Von 1930 bis 1933 war er Mitglied des Reichstages. Er wurde zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft im Herforder Zellengefängnis inhaftiert. Finke blieb nach seiner Entlassung weiter unter Polizei-Beobachtung, da er sich geweigert hatte eine Erklärung zu unterschreiben, jeglichen Kontakt zu anderen SPD-Funktionären zu unterlassen. Nach 1933 wurde er noch zweimal kurzfristig verhaftet. Das erste Mal während des Attentats im Münchener Bürgerbräukeller 1939 und während der Tat der Verschwörer des 20.Juli 1944 (-> Biographie Julius Finke).

Im Dezember 1947 starb Julius Finke an einem Krebsleiden. Carl Severing drückte der Witwe sein Beileid mit warmen Worten aus: "Ich habe mich nach Kenntnisnahme der betrüblichen Nachricht in Ihre Lage hineinzudenken versucht, da ich ja doch Ihre Ehe von dem ersten Tage an immer mit großem Interesse begleitet habe. Ich weiss, was gerade Sie dem Verstorbenen gewesen sind, aber ich weiss auch, wie gerade Ihnen in den letzten Jahren der Gesundheitszustand Julius' arge Sorgen und Kümmernisse bereitet hat."


Severing war nach Kriegsende wieder politisch aktiv, beriet die britische Militärregierung in organisatorischen und personellen Fragen und war Mitbegründer und bis Mai 1948 Chefredakteur der "Freien Presse" in Bielefeld. Seit April 1947 gehörte er dem Landtag in Nordrhein-Westfalen an, bis Juli 1949 war er Vorsitzender des SPD-Bezirks Östliches Westfalen. Der 1947 bereits 72jährige Severing teilte Elisabeth Finke auch seinen Plan mit, sich "von den Aufgaben des öffentlichen Lebens allmählich zurückzuziehen" und versicherte, "daß bei mir das Andenken des alten Kameraden in hohen Ehren bleibt." Carl Severing starb am 23. Juli 1952 in Bielefeld.

Aber auch der zum Zeitpunkt der Inhaftierung 1933 noch amtierende Oberbürgermeister Ernst Althaus kondolierte: "In den langen Jahren gemeinsamer Arbeit habe ich den Heimgegangen als einen ungewöhnlich aufrechten, tatkräftigen und warmherzigen Mann kennen gelernt, der sich um die Entwicklung der Stadt Herford die größten Verdienste erworben hat.... Sein Andenken wird überall unvergessen bleiben." Diese Worte zeigen, dass Althaus, obwohl er seinerzeit für die Verhaftung mitverantwortlich war, ein enges Verhältnis zu Finke hatte. Finke hatte seinerzeit aus der Haft einen empörten Briefe an Althaus geschrieben und ihn wegen Untätigkeit kritisiert: "Der Herforder Oberbürgermeister wartet auf Nachricht von (dem Regierungspräsidenten in) Minden, und Minden wartet auf Nachricht von der Herforder Polizeiverwaltung, die die "Schutz"haft veranlasst hat und nun zunächst erklären muss, das die Gründe nicht mehr vorhanden sind, die zur Sicherheit meiner eigenen Person damals nach Meinung der Polizei notwendig waren und zu meiner "vorläufigen" Festnahme führten."

Finkes Leidenszeit im Herforder Zellengefängnis 1933 beschreibt die Ausstellung "Schutzhaft" des Kuratoriums Erinnern Forschen Gedenken in der Gedenkstätte Zellentrakt noch bis zum 5. Juli 2008. An jedem Tag seiner Haft schrieb er einen Brief an seine Frau Elisabeth und die Familie. Insgesamt 64 Briefe, die seine Nöte und Ängste beweisen, sind überliefert. Seine Frau antwortete ebenso regelmäßig. Finke enthielt sich nach der Verhaftung weiterer politischer Aktivität. Angeregt durch die Ausstellung gab vor kurzem seine Tochter die Briefe aus der und in die Haft endgültig in die Obhut des Stadtarchivs und schenkte dem Archiv weitere Dokumente aus dem Nachlass von Julius und Elisabeth Finke, geb. Dücker. Letztere war, wie ihr Vater und ihre Schwester in Herford als Lehrer/in tätig.

Öffnungszeiten der Ausstellung: Samstags von 14 - 16 Uhr und nach Vereinbarung. Infos und Terminvereinbarungen über www.zellentrakt.de und Tel. 05221/189257.



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