Berichte / Bad Salzuflens "Vergangenheitsbewältigung"

Auf den Spuren jüdischen Lebens in Bad Salzuflen

Kaum Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung

Hans-Heinrich Hausdorf - 09.04.2008

In Herford wurden Gedenkplatten gelegt

In unserer Nachbarstadt Herford wird die Erinnerung an die Verbrechen an den jüdischen Mitbürgern wach gehalten: Am 4.April weihte der Bürgermeister die von den Abiturienten des Wilhelm-Normann-Berufskollegs entworfenen Gedenkplatten ein. Die in Boden eingelassenen Relief-Steine kennzeichnen den Weg eines Rundganges zu den Wohn- und Geschäftshäusern und Fabriken der zum Großteil damals umgebrachten Juden.

In Bad Salzuflen gibt es nur zwei Orte , an denen auf das ehemalige jüdische Leben hingewiesen wird: Die Gedenkstätte für die Synagoge in der Mauerstraße und der renovierte alte jüdische Friedhof an der Werler Straße.
Nach dem Krieg war am Ort der in der Reichspogromnacht am 9.November 1938 zerstörten Synagoge ein Parkplatz gebaut worden. Den jüdischen Friedhof nutzte eine Bauunternehmer als Geräteplatz. Erst 1981 wurde auf einen Bürgerantrag hin die Gedenkstätte errichtet und der Friedhof wieder in Stand gesetzt.

Als jetzt der Antrag an den Rat gestellt wurde, in das Stadt- und Bädermuseum in der Lange Straße 41 eine Gedenktafel für die ehemaligen Besitzer, den Juden Amalia und Siegfried Obermeyer aufzustellen, da ließ Bürgermeister Honsdorf im Hauptausschuss am 5.März wissen, dass eine kleine Ausstellung im Museum schon seit längerem geplant gewesen sei.

Damit brauchte über den Antrag nicht mehr abgestimmt zu werden. Hätte der Hauptausschuss diesen wie die Umbenennung der Otto-Künne-Promenade abgelehnt, dann wäre der Skandal noch unglaublicher gewesen: 1938 mussten die Obermeyers ihre Häuser zu einem viel zu niedrigen Preis an die Stadt verkaufen, um ihre Ausreise zu finanzieren. Siegfried und Amalia Obermeyer kamen im Lodzscher Ghetto um, ihr Sohn Ernst wurde in Auschwitz ermordet, nur der jüngste Sohn Hans überlebte in England.

Das jüdische Leben in Bad Salzuflen und Schötmar hatte aber viel mehr Namen und Adressen, an die auch erinnert werden sollte. Die jüdische Synagoge in der Aechternstraße 19 in Schötmar wurde wie die Bad Salzufler in der Reichspogromnacht von den Nazis zerstört. Es erinnert keine Hinweistafel an dieses damalige Verbrechen! Die Seitenwände des Gotteshauses sind an dem heutigen Wohnhaus noch zu erkennen.

Der Name Hamlet war v.a. durch die gleichnamige Pension und das Restehaus in der Augustastr. 4 bekannt. In dem stattlichen Gäude ist heute ein Ärztehaus untergebracht. Die beiden damaligen Besitzer Richard und Lina Hamlet wurden in Auschwitz ermordet, genau wie der Viehhändler Paul Hamlet, der in der Schülerstr.22 in Schötmar wohnte. Else Hamlett kam im Ghetto von Riga um und Berta Hamlet wurde im KZ Stutthof ermordet. Lediglich Egon Hamlet, der einzige Sohn von Paul, konnte nach England emigrieren.

Im Jahre 1901 gründete der Jude Jacob Eichmann die Manufakturwarenhandlung an der Steege 6. Das Geschäft wurde 1935 geschlossen.
Die Brüder Bruno und Hans Eichmann waren Viehhändler in Schötmar, die ihre Adressen in der Oerlinghauser Str.26 und der Weinbergstr.29 hatten. Beide wurden mit ihren Frauen Ilse und Gertrud im Ghetto von Riga bzw. der KZ Ravensbrück umgebracht. Lediglich ihre Töchter Ursula und Susanne konnten nach England fliehen.

Der Kaufmann und Fabrikant Willy Eichmann Walhalla Str.12 (Mitbegründer der Celluloidwarenfabrik "Küstermann und Beermann" in Schötmar Lemgoer Str.20) überlebte den Holocaust, weil zwei mutige Ärzte Dr. Emil Schmidtpott aus Schötmar und Dr.Emil Roschke aus Bad Salzuflen ihm Transportunfähigkeit bescheinigten. Er sollte in das KZ Theresienstadt deportiert werden.

Es gab in Schötmar elf Personen mit dem Namen Silberbach. Alma Silberbach hatte eine Metzgerei in der Schülerstr.18. Herz, Julius, Siegfried und Walter hatten Viehhandlungen in der Begastr.22, Schülerstr.29 und Schülerstr.17.
Alma Silberbach wurde im Vernichtungslager Maly Trostenz bei Minsk umgebracht, ihre Tochter im Warschauer Ghetto ermordet. Ellen und Magret Silberbach kamen im Ghetto von Riga um, Ernst Silberbach kam als Mitglied der KPD in das KZ Buchenwald, wo er 1945 ermordet wurde. Julius Silberbach wurde in ein Lager im Osten verschleppt. Er gilt als verschollen. Salomon und Rose Silberbach wurden im Vernichtungslager Sobibor umgebracht. Julie kam im Ghetto von Riga um.
Richard Silberbach war Mitgesellschafter der "Celluloid-und Zopfhalterfabrik Richard Silberbach u.Co" in der Krumme Weide 47. Er konnte mit seiner Frau Agnes (geb. Eichmann) nach England fliehen, genau wie ihr Sohn Werner.

David und Sidonie Andermann besaßen das Wohn- und Geschäftshaus Am Markt 22 (früher: Adolf-Hitler-Str.22). Sie konnten es frühzeitig verkaufen und nach Südamerika fliehen, wohin schon ihr älterster Sohn Harry ausgewandert war. Ihr jüngster Sohn Kurt wurde im KZ Bergen-Belsen umgebracht.
In dem Andermannschen Haus befindet sich heute ein Fiseur-Salon.

Hermann und Emmy Katz besaßen das Wohnhaus in der Schülerstr.17 (früher Schlageterstr.17) und die dahinterliegende Bürstenfabrik. Beide wurden verhaftet, konnten aber nach ihrer Freilassung noch frühzeitig nach England fliehen. Beide Gebäude sind heute noch erhalten.

In Schötmar führte Hermann Rosenwald in der Schloßstr.16 (früher Hindenburgstr.16) ein Manufakturwarengeschäft. Er starb 1939, bevor seine Familie - seine Frau Ida und seine Geschwister Henry und Max - verschleppt und im Vernichtungslager Maly Trostenez bei Minsk ermordet wurden.

Max Kornberg hatte in der Wenkenstr.5 ein Tabakwarengeschäft. Er wurde im Zwangsarbeitslager Trawniki bei Lublin in Polen erschossen. Seine Frau Selma starb im Vernichtungslager Treblinka.

Der Fellhändler David Berghausen lebte mit seiner Frau in der Obere Mühlenstr.8. Beide wurden im KZ Theresienstadt ermordet. Der Lederhändler Michael Fürst (Schülerstr.23) wurde wahrscheinlich in einem Vernichtungslager im Osten umgebracht. Max Adler starb im Vernichtungslager Sobibor, der Kaufmann Julius Aschenbrand (Wenkenstr.2) und Regine Berg (Osterstr.33) wurden im KZ Theresienstadt ermordet.

Meinhard Grünewald (Schülerstr.22) war Mitinhaber der Firma "Richard Silberbach u.Co". Zusammen mit seiner Familie wurde er in Auschwitz ermordet, genau wie Edith Seligmann (Begastr.27) und Erna Spanner (Roonstr.46). Elise Hecht (Wenkenstr.14)und Jenny Katzenstein (Langestr.11) kamen im KZ Theresienstadt ums Leben. Die Bad Salzuflerin Ilse Herz wurde Opfer des faschistischen "Eutanasie"-Programmes. Sie wurde in das Ghetto von Chelm in Polen deportiert.

Einige der Bad Salzufler Juden wanderten frühzeitig aus und entgingen so dem Holocaust, so der bei der Badeverwaltung beschäftigte Dr.Alfred Benatt und der Badearzt Dr.Bernard Löwenthal (Parkstr.4).

Eines der heute noch schönsten Häuser am Kurpark befindet sich in der Parkstr.32. In diesem Gebäude befand sich die schon vor dem 1.Weltkrieg gegründete "israelitische" Pension "Haus Adler" mit dem Besitzer Simon Aumann.

Quellen:
Franz Meyer (Herausgeber): Bad Salzuflen - Epochen der Stadtgeschichte
Franz Meyer (Herausgeber): Jahrbuch 1998 Bad Salzuflen
Veröffentlichung der Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Bad Salzuflen.

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