Berichte / Bad Salzuflens "Vergangenheitsbewältigung"

Nachbetrachtung

Der Hauptausschuss lehnt die Umbenennung der Otto-Künne-Promenade ab

Hans-Heinrich Hausdorf - 16.03.2008

Vergessen und verdrängen Teil 2

Mit den Stimmen der CDU, FDP und der FWG lehnte der Hauptausschuss am 5.März den Antrag ab, die Otto-Künne-Promenade umzubenennen. Die Stimmen der SPD, der Grünen und des Bürgermeisters reichten lediglich zum Patt 7:7, so dass der Antrag bei Stimmengleichheit scheiterte. Man müsse "seine wirtschaftlichen Verdienste würdigen" und "die Ratsmitglieder von 1954 wären an der Person Künne näher dran gewesen", das waren die Argumente der Gegner der Umbenennung.

Wer Bad Salzuflen nicht kennt, wird ungläubig den Kopf schütteln. Weder der Bad Salzufler Ratschlag gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit noch eine der großen Kirchen hatten Stellung bezogen.
In Bielefeld-Sennestadt gab es keine großen Diskussionen, als im Februar der „Agnes-Miegel-Weg“ in „Nelly-Sachs-Weg“ umbenannt wurde. Agnes Miegel war eine Schriftstellerin, die zu ihren Lebzeiten aus ihrer Verehrung nationalsozialistischen Gedankengutes keinen Hehl gemacht hatte. Die neue Namensgeberin Nelly Sachs war dagegen eine jüdische Schriftstellerin, die knapp der Ermordung durch die Nazis entgehen konnte.

In Bad Salzuflen ging der Abstimmung heftiger Widerstand gegen die Umbenennung voraus. Quasi „wissenschaftliche“ Legitimation lieferte der Vorsitzende des Lippischen Heimat- und Verschönerungsvereins Stefan Wiesekopsieker. In einem offenen Brief an den Bürgermeister Dr. Honsdorf versucht er auf der Webseite des Vereins in einer umfangreichen Darlegung über die Person Otto Künnes nachzuweisen, dass der damalige Generaldirektor der Hoffmanns´s Stärke dem NS-System sehr distanziert gegenüber gestanden und vielleicht sogar ein wenig Widerstand geleistet habe (-> Webseite des Heimatvereins). Er sei auch „niemals als ... Antisemit in Erscheinung getreten.“
Als die Lippische Landeszeitung drei Wochen später die sogenannte „Judengang-Notiz“ von Künne veröffentlichte, da korrigierte Wiesekopsieker diese Einschätzung nicht. Er kannte diesen ungeheuerlichen Vorgang: Otto Künne hatte 1938 seinen Angestellten verboten, als Beschäftigte der Firma in einem jüdischen Geschäft zu kaufen, denn „die Abholung von Sachen aus einem jüdischen Geschäft sind für heutige deutsche Begriffe unerträglich und nicht zu vertreten“. Also Künne kein Antisemit? Für Wiesekopsieker hat Künne „aus Sorge um die Firma und die Belegschaft“ gehandelt.
Jüdische Bürger hat diese Sorge wohl nicht eingeschlossen.

Durch die Nürnberger Rassegesetze 1935 und den Boykott ihrer Geschäfte wurde die wirtschaftliche Existenz der Juden in Deutschland vernichtet. Diese Maßnahmen waren die ersten Schritte in den Holocaust und sie waren für jeden erkennbar verbrecherisch.

Die Charakterisierung des Stadtarchivars Franz Meyer ist treffend:
Otto Künne war „ein willfähriger und engagierter Diener des NS-Staates“.

Bemerkenswert ist auch der Versuch Wiesekopsiekers, den Antrag auf Umbenennung dadurch zu diffamieren, dass er schreibt, auf der Webseite des „Antragstellers Hans-Heinrich Hausdorf (würden) von Rudolph Brandes bis hin zu Heinz-Wilhelm Quentmeier zahlreiche Bad Salzufler in den Schmutz gezogen“(-> Salzekurier: Vergessen und verdrängen). Tatsächlich wird auf der Webseite niemand der genannten Personen in den Schmutz gezogen. Beweisbare Tatsachen können allerdings als schmutzig empfunden werden.
Frei nach einem Carl von Ossietzky zugeschriebenen Zitat gilt für Wiesekopsieker „derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der der ihn gemacht hat“.
Schlecht für einen Historiker.


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