Berichte / Bad Salzuflens "Vergangenheitsbewältigung"

Eine jüdische Familie in Bad Salzuflen

Der Leidensweg der Obermeyers

Manfred Lurz - 03.03.2008

Von den Nazis vertrieben und ermordet

Knapp zwei Monate nach der Machtergreifung Adolf Hitlers im Januar 1933 begann der offene Terror auch der örtlichen Nationalsozialisten gegen jüdische Ein­wohner Bad Salzuflens.

Viele haben es gewollt und eine große Zahl von Einwohnern hat mitgemacht. Alle jüdischen Familien und viele Sozialdemokraten und Kommunisten wurden aus der Gemeinschaft systematisch ausgeschlossen, arbeitslos gemacht und an den Pranger gestellt, verjagt oder deportiert und ermordet.

Die Zustimmung großer Teile der Bevölkerung zur Machtergreifung der Nationalsozialisten ist erklärbar: Der verlorene 1. Weltkrieg, der chaotische Wechsel von der Monarchie zur Weimarer Republik, das öffentliche Bild der zerstrittenen politischen Parteien, die galoppierende Verschuldung der Republik, die Armut der Unterschicht und die rasant wachsende Arbeitslosigkeit führten zu einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit in der Bevölkerung.

Die gefühlte Arbeitslosigkeit war dreimal so hoch wie die tatsächliche, die bei 6 Millionen arbeitslosen Menschen lag. Die Menschen waren nicht mobil und flexibel, weder technisch, noch familiär, noch finanziell. Sie waren angewiesen auf die Arbeitsplätze in der Region. Der Druck auf dem einzelnen betroffenen Arbeitslosen war dadurch um ein Mehrfaches höher als in der heutigen Zeit. Das steigerte die Verzweiflung und die Abhängigkeit der Menschen von ihren örtlichen Arbeitgebern und von der Politik.

Zu diesem Zeitpunkt betritt ein machtgeiler demagogischer Politiker die Bühne, der nichts zu verlieren hat, der sich in seinem persönlichen Elend ein absurdes politisches Konzept gebastelt hat, dass er mit großem Geschick und noch größerer Rücksichtslosigkeit umsetzt.

Die Menschen glauben ihm, sie hoffen auf Sicherheit und Arbeit, sie wollen politische Stabilität, sie wollen einfach arbeiten und leben. Die Erklärungs­muster und Feindbilder, die die Nationalsozialisten als Hintergrund liefern, wollen die Menschen zum größtenteils gar nicht wissen und verstehen. Sie interessiert nur, ob es besser wird! Und es wird besser! Der Preis, der dafür zu zahlen ist, interessiert sie nicht, solange sie nicht persönlich betroffen sind!

Erstaunlich ist nur, dass zu diesem frühen Zeitpunkt auch die Bürgerinnen und Bürger, die gut lesen und schreiben können, still bleiben und keinen, damals noch möglichen, Widerstand leisten gegen den erkennbaren und absehbar heraufziehenden Wahnsinn.

Erstes Opfer war die Familie des angesehenen Kaufmanns Siegfried Obermeyer. Der 49-jährige Obermeyer war ein erfolgreicher Geschäftsmann und Vorsteher der „Israelitischen Gemeinde Bad Salzuflen-Schötmar“.

Am 1. April 1933 begann der reichsweite Boykott jüdischer Geschäfte. Mit der Einführung des „Arierparagraphen“ wurden die Arbeitsmöglichkeiten der jü­dischen Bevölkerung drastisch begrenzt. Trotz dieser unmenschlichen Lebens­einschränkungen beschloss die Familie Obermeyer vorerst noch in Deutschland zu bleiben.

Erst fünf Jahre später, nach dem Pogrom 1938, entschloss sich die Familie Obermeyer, Deutschland zu verlassen. Im August 1938 emigrierte zuerst der 18 jährige Sohn Ernst in die Niederlande.

Im Pogrom 1938 gegen die jüdische Bevölkerung in Bad Salzuflen wurden beide Synagogen zerstört und zahlreiche Geschäfte und Privatwohnungen verwüstet. Darunter auch das Haushaltswarengeschäft der Familie Obermeyer in der Langen Str. 41.

Die „Maßnahmen gegen die Juden“ wurden danach vom „Lippischen Allge­meinen Anzeiger“ wie folgt gerechtfertigt: „Der Jude ist der geborene Anführer des Unter­menschentums und des Bolschewismus.“ Reichsweit gab es an allen Orten in Deutschland ausreichend viele Bürgerinnen und Bürger, die sich an den furchtbaren Aus­schreitungen gegen jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger beteiligten.

Nach dem Pogrom wurden bis Ende 1938 die Existenzgrundlagen der jüdischen Bevölkerung reichsweit zerstört. Am 12.11.1938 wurde die Schließung der Haushaltswarenhandlung Obermeyer staatlicherseits verfügt. Erst danach entschlossen sich die Obermeyers, Deutschland zu verlassen. Die 1858 gegründete „Haushalts – und Eisenwarenhandlung S. Obermeyer“ in Bad Salzuflen wurde zum 31.12.1938 geschlossen.

Anfang Dezember 1938 bot Siegfried Obermeyer seinen Haus – und Grund­besitz der Stadt zum Kauf an. Erst im Juli 1939 einigte man sich auf einen Kaufpreis von 36.000 Reichsmark. Die Obermeyers konnten aber über den Verkaufserlös nicht verfügen, da die Stadt das Geld auf ein Sperrkonto bei der Deutschen Bank in Herford überwiesen hatte.

Im Zuge des am 18. 11. 1938 erlassenen Schulverbotes für jüdische Kinder wurde auch Hans Obermeyer von der Salzufler Oberschule für Jungen verwiesen. Mit den so genannten Kindertransporten im Jahr 1939 konnte Hans Obermeyer ohne seine Eltern nach England ausreisen.

Am 16. 4.1940 gelang den Obermeyers die Flucht nach Rotterdam. Im Mai 1940 besetzte die Deutsche Wehrmacht Luxemburg. Damit waren die Obermeyers wieder in der Gewalt der Nationalsozialisten.

Im Oktober 1941 wurden beide in das Ghetto von Lodz deportiert. Siegfried Obermeyer starb 1942 und seine Frau Amalia 1944. Der Sohn Ernst wurde 1942 aus den Niederlanden nach Auschwitz deportiert und 1943 ermordet.

Von der Familie Obermeyer hat nur der jüngste Sohn Hans in England überlebt. Er wurde amerikanischer Staatsbürger und lebt heute in Columbia.

Damit das im Kleinen wie im Großen nicht wieder passiert, können wir diese alten Geschichten nicht ruhen lassen! Wir müssen wach bleiben und noch wacher werden bei den politischen Entscheidungen, die direkt und indirekt unser Leben und das unserer Kinder betrifft. Wir müssen unsere Nachbarn hier in der Stadt sehen, aber auch unsere Nachbarn in Europa und darüber hinaus.

Und wir haben schon heute Grund zur Sorge: Die Betreuung der kleinen Kinder ist unzureichend, die Schulausbildung ist dürftig, viele Jugendliche finden keine Berufsausbildung, die Arbeitsbedingungen werden wie selbstverständlich von Hire and Fire bestimmt, die Gewinne aus der Arbeit gehen zum großen Teil in die Taschen einiger Weniger, viele selbst gemachte soziale Schieflagen sind kaum noch zu finanzieren, wir ruinieren sehenden Auges die Umwelt, die Bundeswehr befindet sich in ihrem ersten Krieg, wir steuern auf gewalttätige Auseinandersetzungen über Rohstoffe zu.

Wir müssen nicht unsere Freiheit am Hindukusch mit Waffen verteidigen, wir müssen unsere freie Zukunft zu Hause und am Hindukusch mit den richtigen, den intelligenten und wirksamen Konzepten sichern ohne das wir unseren Nachbarn die Butter vom Brot stehlen!

Wir müssen lernen, die Probleme im Kleinen wie im Großen durch kluge Gespräche und Verhandlungen zu lösen. Der Weg der Umsetzung über die wirtschaftliche oder militärische Macht widerspricht unserem Menschenbild und unseren zukünftigen Interessen: Asien macht uns bald zum kleineren und schwächeren Partner im Weltgeschehen!

Deshalb müssen wir lernen zu diskutieren und Fehler zu vermeiden. Wir müssen die Geschichte der Obermeyers annehmen und uns darüber klar werden, dass wir ein Teil dieser Geschichte sind und diese Fehler nie mehr machen dürfen. Wir sollten uns angewöhnen, regelmäßig offene Bürgergespräche über aktuelle Fragen zu führen. Wir können die Entscheidungen über unsere Zukunft nicht an wenige Abgeordnete delegieren.

Die Promenade umzubenennen heißt, unsere Geschichte anzunehmen und bald öffentlich über die Vernichtung der Familie Obermeyer und anderer aus Bad Salzuflen zu reden



Quelle:
Franz Meyer (Herausgeber) Bad Salzuflen - Epochen der Stadtgeschichte
Veröffentlichung der Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Bad Salzuflen.



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