Berichte / Bad Salzuflens "Vergangenheitsbewältigung"

Die Geschichte der "Vergangenheitsbewältigung" in Bad Salzuflen

Vergessen und verdrängen

T2 - 21.01.2008

Zum Auschwitzgedenktag am 27.Januar

Nach dem Kriegsende 1945 bestand der Neubeginn in Bad Salzuflen eigentlich darin, dass das meiste so blieb wie es war:

- Bürgermeister Hans Breimann und Stadtkämmerer Walter Händel, beide stramme Nazis, blieben erst einmal im Amt.

- Der Leiter der Bad Salzufler Oberschule Fritz Dietze, der in der Reichspogromnacht am 9.November 1938 gesehen wurde, wie er in SA-Uniform die Zerstörung der jüdischen Synagoge in der Mauerstraße mit organisierte, wurde wieder in den Schuldienst eingestellt und unterrichtete bis 1960 wieder an seiner alten Schule.

- Anne Marie Kost, die von 1919 bis 1945 das Lyzeum führte und eine glühende Hitler-Verehrerin war, wurde nur deshalb nicht wieder eingestellt, weil sie zu alt war.

- Der Generaldirektor von Hoffmann's Stärke Otto Künne, ein überzeugter Nationalsozialist, konnte den Betrieb weiter führen. Er hatte die Stärkefabriken zu einem "Musterbetrieb der Deutschen Arbeitsfront" gemacht und war dafür von der NSDAP mit dem "Gaudiplom für hervorragende Leistungen" ausgezeichnet worden. Das hinderte den Bad Salzufler Stadtrat nicht, später eine Straße nach ihm zu benennen: die Otto-Künne-Promenade.

- Als Stadtarchivar wurde der ehemalige "kolonialpolitische" Referent der NSDAP Otto Pöhlert eingestellt. Er leitete das Archiv bis 1978. Als 1982 die Deutsche Kommunistische Partei DKP dieses aufdeckte und die Vermutung äußerte, dass das Verschwinden von Akten aus der NS-Zeit etwas damit zu tun haben könnte, da wies der damalige Stadtrat diese Vermutung zurück.

- Die Eigentümer der vertriebenen und ermordeten Juden waren an Bad Salzufler Geschäftsleute verkauft worden. Auf dem Gelände des jüdischen Friedhofs an der Werler Straße stapelte ein Bauunternehmer zwischen den Grabsteinen seine Betonkübel.

- Der Ort, an dem bis zum 9.November 1938 die jüdische Synagoge gestanden hatte, wurde von der Stadt zu einem Parkplatz für Autos gemacht. Als 1981 die DKP mit einem Transparent darauf aufmerksam machte, wurde dieses von der Polizei abgerissen und den Verantwortlichen eine Strafanzeige angekündigt. Über diesen Vorfall berichteten damals nicht nur deutsche überregionale Zeitungen, auch in Israel wurde der Name Bad Salzuflens bekannt. Auf starkem äußerem auch internationalen Druck sah sich der Stadtrat 1982 gezwungen, am Ort der ehemaligen jüdischen Synagoge eine Gedenktafel aufzustellen. Wenige Tage später wurde sie gestohlen und die niedergelegten Kränze zerstört.

- Im selben Jahr wurde einer VHS-Mitarbeiterin fristlos gekündigt, u.a. weil sie für einen Kurs "Nationalsozialismus in Bad Salzuflen" auch Befragungen von Mitbürgern vorgesehen hatte. Der SPD- Ratsherr Quentmeier (Schulleiter des Gymnasiums Werl- Aspe) befürchtete damals "Denuntiationen". In seinem Sprachgebrauch waren also die Verbrecher von damals die anständigen Bürger und diejenigen, die diese Verbrecher beim Namen nennen, die verabscheuungswürdigen Denuntianten. Quentmeier wurde später zum Bürgermeister gewählt.
Während dieser Zeit war Hermann Fricke Ratsmitglied für die SPD, lange Zeit als Fraktionsvorsitzender. Am 9.November 2007 outet er sich in einem Artikel in der Lippischen Landeszeitung, als 13-jähriger die Zerstörung der jüdischen Synagoge miterlebt zu haben und "will dazu beitragen, dass so etwas nie wieder geschieht". Sein Originalton 2007: "Wir Zeitzeugen sterben aus". Im Jahr 1982 hat Fricke jedenfalls im Stadtrat nichts gegen die Entlassung der VHS-Mitarbeiterin unternommen. Der VHS-Kurs hätte doch eigentlich damals in seinem Sinne sein müssen!?

- In unseren Nachbarstädten werden Schulen nach Widerstandskämpfern oder Verfolgten der Hitlerdiktatur benannt: die Heinrich-Niemöller-Gesamtschule in Bielefeld, die Karla-Raveh-Gesamtschule in Lemgo, die Felix-Fechenbach-Gesamtschule in Leopoldshöhe, das Felix-Fechenbach-Berufskolleg und die Geschwister-Scholl-Schule in Detmold.
Die Bad Salzufler Schulen fühlen sich hier anderen Erziehungszielen verpfichtet: Rudolf Brandes steht zwar in einer humanistischen Tradition, seine Bedeutung erhält er aber eher durch seine wissenschaftliche Tätigkeit im 18.Jahrhundert. Eduard Hoffmann, nach dem sich jetzt die städtische Realschule Lohfeld benennen will, machte die Hoffmann's Stärkefabriken im 19.Jahrhundert zu einer Firma von Weltgeltung. Ein Pionier des Kapitalismus also als Vorbild für die Bad Salzufler Schüler.
Man hätte eine Schule auch nach den Obermeyers benennen können, einem jüdischen Ehepaar aus Bad Salzuflen, das von den Nazis verschleppt wurde und den Lageraufenthalt im Lodzscher Ghetto nicht überlebte.

- Einen Meilenstein in der Aufarbeitung des Faschismus stellt das jetzt erschienene Buch "Bad Salzuflen- Epochen einer Stadtgeschichte" von Franz Meyer dar. Aber obwohl in vielen Bereichen umfassend und genau recherchiert wurde, fehlt eine Darstellung der Gegner Hitlers: Man vermisst z.B. die Nennung des Namens August Dingersen, des Unterwüstener KPD-Vorsitzenden, der 1933 in Schutzhaft genommen wurde, weil er sich geweigert hatte, den Hitlergruß zu zeigen. Ein Jahr später wurde er wegen illegaler Flugblattverteilung zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, man brachte ihn in das KZ Börgermoor.


Creative Commons License
Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.

Salzekurier Über Salzekurier | Privacy Policy | Kontakt | ©2008 Salzekurier